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TÜRKEI / GEWALT GEGEN FRAUEN IST GRAUSAMER ALLTAG



Jeden Tag werden in der Türkei – wie in vielen Ländern der Welt – die Menschenrechte von Tausenden von Frauen durch familiäre Gewalt verletzt. Nach Schätzungen erleiden ein Drittel bis die Hälfte aller Frauen in der Türkei körperliche Gewalt in ihren Familien.



Sie werden geschlagen, vergewaltigt, getötet oder zum Selbstmord gezwungen. Sie werden sehr früh verheiratet oder bereits als Kleinkinder anderen Familien versprochen.

Gewalt gegen ein weibliches Familienmitglied, das gegen die strengen Regeln des „Anstands“ verstoßen hat, gilt vielerorts noch immer als Ehrensache und wird gesellschaftlich toleriert.

Wird eine Frau akut bedroht, kann sie in den seltensten Fallen mit polizeilichem Schutz rechnen. Zeigen Frauen Gewalttaten an, wird diesen nur ungenügend nachgegangen.


In den Gerichten werden noch immer niedrige oder gar keine Strafen für Vergewaltiger verhängt, wenn sich die Männer bereit erklären, ihre Opfer zu heiraten. Die betroffenen Frauen werden dagegen doppelt bestraft und sind ihrem Peiniger im schlimmsten Fall lebenslang ausgeliefert.

Aber ab dem 1. April 2005 soll sich die Situation der Frauen ändern, denn dann tritt das im vergangenen Herbst reformierte Strafgesetz in Kraft. Zahlreiche frauendiskriminierende Artikel aus dem Strafgesetz wurden entfernt, gleichzeitig gab es wichtige Neuerungen, die den Schutz der Frauen vor Gewalt verbessern.

So gelten sexuelle Überriffe künftig als „Verbrechen gegen Einzelperson“ und nicht mehr als „Verbrechen gegen Familie, Gesellschaft oder Tradition“, und auch Vergewaltigung in der Ehe wird für strafbar erklärt. Außerdem wird der Strafnachlass für „Ehrenmorde“ ebenso der Vergangenheit angehören wie die Vorschrift, nach der ein Vergewaltiger nicht bestraft wird, wenn er sein Opfer heiratet.

Ein weiterer großer Fortschritt ist das „Gesetz zu Gemeinden“, das bereits im Dezember 2004 in Kraft trat und Gemeinden mit mehr als 50.000 Einwohnern zur Einrichtung von Frauenhäusern verpflichtet.

Gegenwärtig ist nur durch die Arbeit von Frauenorganisationen sichergestellt, dass zumindest ein kleiner Teil der Frauen Schutz erhält. Zu diesen Organisationen gehören das „Zentrum für Frauenunterstützung und Frauensolidarität“ in Antalya, die Stiftung „Lila Dach“ in Istanbul, die Stiftungen „Frauensolidarität“ (KADAV) in Istanbul und Izmit und das Frauenzentrum KA-MER.

Entscheidend ist daher nun, dass der in der Gesetzsrefrom festgeschriebene Wille auch in die Tat umgesetzt wird. Bis dahin leben Frauen, die sich gegen Gewalt wehren, weiterhin in Angst und mit dem Risiko einer „Bestrafung“ durch ihre Familien.

Das Frauenzentrum KA-MER

Wir leben immer in Angst. Angst vor unseren Vätern, Brüdern und vor unseren Ehemännern. Wir fürchten uns, weil sie uns gegenüber gewalttätig wurden... Von nun an wollen wir nicht mehr, dass mit uns Tauschhandel betrieben wird. Wir wollen niemanden heiraten, dessen Gesicht wir niemals gesehen haben. Wir möchten nicht zum Geschenk gemacht werden. Wir wollen nicht ohne Schulbildung bleiben. Wir wollen nicht als Kinder verheiratet werden. Wir wollen nicht in ständiger Angst leben, ohne jeden Grund bestraft zu werden.” (Nebahat Akkoc, Gründerin von KA-MER)

KA-MER ist eine Frauenorganisation mit Sitz in Diyarbakir. Seit 1997 unterstützt sie Frauen, um sie individuell, sozial, politisch, kulturell, rechtlich und wirtschaftlich zu stärken. Die Organisation ist aktiv gegen so genannte „Ehrenmorde“ und leistet präventive Arbeit im Vorschulbereich gegen Gewalt an Frauen und Mädchen.

Wie erfolgreich die Arbeit von KA-MER ist, zeigt sich an der hohen Zahl der Menschen, die bei ihnen Rat suchen. Auch Männer möchten oft vom unbarmherzigen Druck ihrer Familien befreit werden.


Beispielweise suchten zwei Männer, die eine junge Verwandte töten sollten, Hilfe bei KA-MER, weil sie das Mädchen nicht umbringen wollten.


Frauenhäuser

„Alle schicken Frauen zu uns, die Gewalt erlebt haben. Alle. Die Regierung, die Polizei, alle. Wir schaffen es nicht, der großen Nachfrage gerecht zu werden.“ (Mitarbeiterin einer türkischen Nichtregierungsorganisation)

Die Unterbringung in einem Frauenhaus oft die einzige Möglichkeit, um Betroffene aus einer Gewaltsituation herauszuholen und ihnen Zeit zum Nachdenken zu geben. Frauenhäuser sind nur ein Teil der Lösung, aber solche Zufluchtsorte sind ganz entscheidend, wenn das Leben einer Frau unmittelbar gefährdet ist oder wenn eine Frau vor Angst so gelähmt ist, dass sie nicht mehr weiß, was sie tun soll. Von staatlicher Seite gibt es jedoch so gut wie keine finanzielle Unterstützung für Frauenhäuser oder Beratungsstellen.

Nach einer Empfehlung der Europäischen Union sollte es in jedem Land ein Frauenhaus je zehntausend Einwohner/-innen geben. Bei einer Bevölkerung von 70 Millionen Menschen gibt es in der Türkei jedoch nur 14 „Gästehäuser“ und 19 kommunale Anlaufstationen zur Unterstützung von Frauen, die familiäre Gewalt erlebt haben. Zwei unabhängige Frauenhäuser, die unschätzbare Dienste für Frauen leisteten, mussten Ende der 1990er Jahre schließen, weil sie sich nicht mehr finanzieren konnten.

GEWALTOPFER UND IHRE SCHICKSALE

Das neue Strafgesetz sorgt ab dem 1. April hoffentlich dafür, dass sich Fälle wie die hier geschilderten in Zukunft nicht wiederholen oder die Täter nun zumindest zur Rechenschaft gezogen werden. Sollte das Gesetz nicht vollständig umgesetzt werden, wird es weiterhin vielen Frauen so ergehen, wie es Reyhan oder Güldünya erging.

„Reyhan“

In ihrer dreizehnjährigen Ehe wurde „Reyhan“ von ihrem Ehemann geschlagen und zum Sex gezwungen. Dies ist ihre Geschichte, die sie amnesty international in ihrem Haus in der Türkei am 03. Juni 2003 erzählte:


„Ich arbeitete bereits seit einiger Zeit, weil mein Ehemann arbeitslos war. Eines Tages kam ich früher nach Hause und sah, wie er meine neunjährige Tochter sexuell belästigte. Ich hatte solche Angst, dass ich nicht sprechen konnte. Drei Tage später nahm ich meine Tochter und verließ das Haus. Die Jungs musste ich zurücklassen, weil ich wusste, dass die Familie meines Mannes nach ihnen suchen würde.

Wir sind bei meinem Vater untergekommen, aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Er ist sehr krank und kann nicht auf meine Tochter aufpassen, so dass ich nicht arbeiten kann. Am Tag der ersten Anhörung vor Gericht hatte ich solche Angst, dass meine Beine zitterten.

Warum ich meine Geschichte trotzdem öffentlich gemacht habe? Ich dachte, jemand der das tun kann (ein Kind missbrauchen), ist zu allem fähig, und das gab mir die Kraft, meinen Mann anzuzeigen.“


Güldünya Tören

Ihr neugeborenes Baby nannte Güldünya Tören „Hoffnung“. Sie ahnte vielleicht, dass sie beide kein langes Leben haben würden. Nachdem sie schwanger wurde, lehnte sie ab, ihren Cousin zu heiraten und wurde in das Haus ihres Onkels nach Istanbul geschickt. Dort gab ihr einer ihrer Brüder ein Seil und sagte ihr, dass sie sich erhängen solle. Sie entkam und bat die Polizei um Schutz. Diese versicherte ihr jedoch, dass ihr Bruder und ihr Onkel versprochen hätten, sie nicht zu töten.

Im Februar 2004, einige Wochen nach der Geburt, schossen ihre Brüder auf der Straße mehrere Male auf Güldünya. Vom Krankenbett aus flehte sie die Polizei an, ihr zu helfen. Aber man ließ die Frau im Stich. Spät in der Nacht drangen ihre Mörder in das unbewachte Krankenhaus ein und schossen ihr in den Kopf.

Die Ehefrau eines Sicherheitsbeamten:

„Die Schläge begannen nach der Hochzeit. Das Gerichtsmedizinische Instituts stellte drei Atteste aus, die belegten, dass ich zwischen fünf und sieben Tagen nicht arbeitsfähig war. Das Gericht ordnete an, dass mein Mann sich zwei Monate nicht dem Haus nähern durfte. Es ordnete außerdem an, dass seine Waffen beschlagnahmt werden sollten. Doch seine Kollegen nahmen ihm seine Dienstwaffe nicht ab.

Ich wurde weiterhin von ihm geschlagen… Er schlug mich mit einem Schlagstock… Einmal ging ich zur Polizeiwache… Sie sagten, sie könnten mir nicht helfen - ‘Schwester, dein Mann ist Inspektor, was können wir tun?’ - und schickten mich nach Hause… Er hielt mir ein Gewehr an den Kopf und sagte, er würde mich töten.“



Weitere Informationen

Die türkische ai-Sektion kämpft gegen die Gewalt an Frauen. (ai-JOURNAL 12/2004).

Zunahme der Ehrenmorde in Südosten der Türkei (ai-JOURNAL 06/2004)
ai-Bericht: „Türkei: Frauen kämpfen gegen familiäre Gewalt“
Informationen auf Türkisch

ai-Kampagne "HINSEHEN & HANDELN - Gewalt gegen Frauen verhindern"


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letzte Aktualisierung: 15. Juli 2004

amnesty international

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