Die 58-jährige Malaysierin indischen Ursprungs ist verheiratet und hat drei Kinder. Bereits mit Anfang zwanzig engagierte sich die Pädagogin in einer christlichen Jugendorganisation für die Menschenrechte. Dort setzte sie sich für bessere Arbeitsbedingungen von Land- und Industriearbeitern in Malaysia ein.
1991 gründete sie gemeinsam mit anderen Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtlern die Organisation Tenaganita, die sich für die Rechte von Frauen und Arbeitsmigrantinnen und -Migranten in Malaysia einsetzt. Direktorin Fernandez und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter konnten schon wichtige Verbesserungen erreichen. Auf ihre Initiative hin gab es Gesetzesreformen zu Vergewaltigungen und familiärer Gewalt, die den Opfern Klageverfahren ermöglichen. Außerdem wurden Modellverträge für ausländische Haushaltshilfen durchgesetzt.
Viele Menschen aus Bangladesh, Indonesien, Myanmar und den Philippinen suchen im wirtschaftlich aufstrebenden Malaysia Beschäftigung. Nach Angaben des nationalen Gewerkschaftsverbandes kommen ungefähr drei Millionen Arbeiter aus dem Ausland, unter ihnen sehr viele Frauen. Nur 450.000 sind legal im Land. Werden Arbeiterinnen und Arbeiter von den Behörden aufgegriffen und können keinen legalen Status nachweisen, bringt man sie in staatlichen Abschiebelagern unter.
Im August 1995 veröffentlichte Tenaganita einen Bericht über die Situation in den Lagern, der sich auf Aussagen von etwa 300 Arbeitsmigrantinnen und -Migranten gründete. Danach hatten die Inhaftierten unter schweren Misshandlungen, sexuellem Missbrauch und Unterernährung zu leiden. Medizinische Versorgung wurde ihnen verweigert. Sogar von einer Reihe von Todesfällen aufgrund von Unterernährung, Beriberi und anderen heilbaren Krankheiten wurde berichtet.
Tenaganita forderte die Einrichtung einer unabhängigen Prüfungskommission, um die Vorwürfe zu untersuchen. Im September 1995 gab der stellvertretende Innenminister bekannt, dass 42 Menschen in den Lagern eines „natürlichen Todes“ gestorben waren und ein Gremium ernannt worden war, das die Bedingungen in den Lagern prüfen sollte. Bis heute hat dieses Gremium jedoch keine Ergebnisse veröffentlicht.
Noch im selben Monat wurde Irene Fernandez wegen „übler Nachrede“ von einem hohen Polizeibeamten angezeigt. Man zitierte sie und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Tenaganita wiederholt zu Befragungen ins Polizeipräsidium. Auch ihre Rechtsanwälte wurden mehrmals von der Polizei verhört. Sieben Monate nach Veröffentlichung des Berichts wurde Irene Fernandez schließlich verhaftet und wegen „böswilliger Veröffentlichung falscher Nachrichten“ angeklagt.
Seit 1996 musste sie 310 Mal vor Gericht erscheinen. Das hat sie und ihre Verteidiger viel Kraft und Ressourcen gekostet. Der Schuldspruch gegen sie am 16. Oktober 2003 war ein schwerer Schlag für die Arbeit von Menschenrechtsverteidigerinnen und Menschenrechtsverteidigern. Nun wartet Irene Fernandez auf die Entscheidung über ihren Berufungsantrag. Einer möglichen Gefängnisstrafe sieht sie kampfeslustig entgegen: „Wenn sie mich ins Gefängnis stecken, gibt mir das Gelegenheit, die Haftbedingungen genauestens zu überprüfen und für Verbesserungen einzutreten.“
Neben der Arbeit für Tenaganita ist Irene Fernandez in zahlreichen nationalen und internationalen Organisationen aktiv. Sie ist Vorsitzende von PAN (Pestizid-Aktions-Netzwerk) im asiatisch-pazifischen Raum, Gründerin des malaysischen AIDS-Komitees und war Mitglied des Ausschusses für Frauen in Asien. Seit 2001 ist sie stellvertretende Vorsitzende der Frauenorganisation der oppositionellen Nationalen Gerechtigkeitspartei Keadilan.
Irene Fernandez betont, dass sie sich nicht nur für ihr eigenes Land engagiert, sondern für die Einhaltung der Menschenrechte weltweit. Sie kämpft insbesondere gegen die negativen Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung. Dabei ist es ihr sehr wichtig, dass sie in strenger Übereinstimmung mit der Verfassung und dem Gesetz arbeitet und es als ihre Aufgabe ansieht, Menschen über ihre Rechte vor dem Gesetz aufzuklären, damit sie sich als verantwortungsvolle Bürgerinnen und Bürger für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen können.
Irene Fernandez wurde für ihre langjährige Arbeit mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter 1998 mit dem ai-Menschenrechtspreis. Die Freie Universität Amsterdam verlieh ihr im Jahr 2000 die Ehrendoktorwürde. In Malaysia fordert eine Netzwerk von 91 Nichtregierungsorganisationen die Einstellung des Verfahrens gegen sie. amnesty international setzt sich seit vielen Jahren mit Appellbriefen und anderen Aktionen dafür ein, dass alle Anklagepunkte gegen sie unverzüglich fallen gelassen werden. Im Jahr 2000 war Irene Fernandez „Stargast“ der deutschen amnesty-Sektion bei der Weltausstellung EXPO in Hannover. Im selben Jahr schrieb sie:
„Ich möchte amnesty international meinen tiefsten Dank ausdrücken und möchte euch wissen lassen, wie viel eure Arbeit bewegt. Auch wenn die Anklagen gegen mich nicht fallen gelassen wurden, haben mir eure Anstrengungen Kraft gegeben, weiterzumachen. Ihr habt auch den Migranten und Opfern von Missbrauch in Malaysia Kraft gegeben, die die vielen Briefe und Karten gelesen haben, die Tenaganita erreichten.
Die Aktionen von amnesty international haben geholfen, ein Bewusstsein für Menschenrechtsverletzungen in Malaysia zu wecken. Seit mein Prozess begonnen hat, haben mehr und mehr Malaysier über die freie Meinungsäußerung gesprochen. So etwas ist zuvor nie passiert. Weltweite Unterstützung ist so wichtig... Bitte macht eure gute Arbeit weiter.“
| Starke Frauen wir Irene Fernandez brauchen unser aller Unterstützung! Beteiligen Sie sich an unserem Urgent-Actions-Netzwerk und helfen Sie uns mit Ihrer Spende. |
letzte Aktualisierung: 22. Juli 2004