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PORTRAITS VON EHEMALIGEN KINDERSOLDATEN IN DER DR KONGO

Sylvain


Sylvain (Name geändert) ist heute elf Jahre alt. Sein Vater gehört der ethnischen Gruppe der Hema an, seine Mutter ist Angehörige der Alur. Sylvain stammt aus Fataki in der Region Ituri. Er schloss sich im Alter von neun Jahren der bewaffneten Oppositionsgruppe Union der Patriotischen Kongolesen (Union des patriotes congolais – UPC) an.

Als er an einem Sonntag vom Gottesdienst in der örtlichen Kirche zurückkam, hatten Lendu-Milizen sein Dorf überfallen und seine Eltern waren „verschwunden“. Ohne seine Eltern sah Sylvain nur eine Möglichkeit, zu überleben und Schutz zu finden: Er musste sich der UPC anschließen.

Er verbrachte sieben Monate in einem militärischen Ausbildungslager der UPC in Mandro in der Nähe von Bunia. Wie er amnesty international gegenüber angab, waren seine Ausbilder Ruander und Ugander, und die Waffen, die man ihm gab, stammten aus Ruanda.


Nach der militärischen Ausbildung wurde er in die Kampfgebiete geschickt. Sylvain kämpfte im März 2003 in Bunia gegen die ugandische Armee, und bereits zuvor in Komanda gegen die bewaffnete Gruppe Kongolesische Sammlungsbewegung für Demokratie – Befreiungsbewegung (Rassemblement congolais pour la démocratie – Mouvement de Libération – RCD-ML) und die Lendu-Milizen. Er erzählte ai-Vertretern, dass er zunächst keine Angst gehabt habe zu kämpfen, weil ihm nicht bewusst gewesen sei, dass er getötet werden könnte. Seine ersten Kampferfahrungen machte er in Komanda, wo die gegnerischen Soldaten der RCD-ML überlegen waren und seine Einheit in die Flucht geschlagen hatten. Der Kommandant seiner Einheit war gefangen genommen und getötet worden, der Rest der Gruppe konnte fliehen.

Nachdem die Kämpfer zu ihrem Stützpunkt zurückgekehrt waren, wurden sie sofort wieder nach Lipri und Loga hinausgeschickt. Als er das erste Mal tötete, schoss Sylvain das Blut in den Kopf, und er hatte Angst. Danach wurde das Töten jedoch Routine für ihn. Er tötete ugandische Regierungstruppen und Soldaten der RCD-ML und war stolz auf seine Taten.

Nachdem Sylvain aus seiner Kampftruppe entlassen worden war, vermisste er das Militärleben zunächst sehr. Jetzt gewöhnt er sich langsam an sein neues Leben. Wenn es möglich wäre, würde er gerne bei seiner Mutter leben, die inzwischen ausfindig gemacht werden konnte. Über einen langen Zeitraum konnte er nicht einmal an seine Eltern denken, weil allein diese Gedanken zu schmerzlich für ihn waren. Er möchte gerne zur Schule gehen und einen Beruf erlernen. Lernen ist wichtig für ihn, „denn im Leben kommt es auf Intelligenz an, und nur durch Lernen kannst du intelligent werden.“ Er wünscht sich ein schnelles Ende des Krieges.

Sylvain leidet an den Folgen der Kampferlebnisse, und sein Gesundheitszustand ist sehr instabil. Seit seinem ersten Jahr als Kindersoldat leidet er an häufigen Kopfschmerzen verbunden mit Schwindelanfällen und Atembeschwerden. Trotzdem wurde er von seinem Kommandanten immer wieder in den Kampf geschickt. Während der Gespräche mit amnesty international erlitt Sylvain einen Schwindelanfall und musste in eines der nahe gelegenen medizinischen Behandlungszentren gebracht werden. Die gesundheitliche Versorgung in der zerstörten Region ist jedoch auf ein Minimum beschränkt. „Er wird wieder genau dieselben Tabletten bekommen, die sie allen geben“, erklärt der Begleiter, der sich um Sylvain kümmert.

Edouard

Der mittlerweile zwölfjährige Edouard (Namen geändert) ist seit fünf Jahren Kindersoldat und gehört immer noch der bewaffneten Gruppierung RCD-ML an. Er war mit sieben Jahren in Mambasa von Mayi-Mayi-Rebellen zwangsrekrutiert und nach Beni gebracht worden. Er hatte Angst gehabt, wie andere Zivilisten in Mambasa zusammengetrieben und getötet zu werden, und war davongerannt. Auf der Flucht fiel er einem Kommandanten der bewaffneten Gruppierung RCD-ML in die Hände, der ihn in das Militärausbildungslager Nyaleke in der Nähe von Beni brachte. Edouard hatte noch nicht einmal mit der Schule begonnen, da war er bereits Kindersoldat.

Bei seiner Ankunft im Militärlager rasierte man ihm mit einer Glasscherbe den Schädel. In der Militärausbildung brachte man ihm militärische Disziplin bei und wie man ein Gewehr auseinander nimmt. Die Ausbilder schossen in Gegenwart der Kinder mit scharfer Munition, um sie so angstfrei zu machen.

Edouard kämpfte in Bunia, Mambasa, Beni und Butembo an vorderster Front und tötete gegnerische Kämpfer. In Bunia wurde er Zeuge, wie sein Kommandant enthauptet wurde. Edouard trug an diesem Tag ein Maschinengewehr, das er nur kniend bedienen konnte, weil es so schwer war.

Im Dezember 2002 wurde er bei Kämpfen gegen die bewaffnete Gruppe Bewegung für die Befreiung des Kongo (Mouvement pour la libération du Congo – MLC) am Arm verletzt. Bis heute hat er kein Gefühl im Ringfinger seiner linken Hand. Edouard erschoss den Soldaten, der ihm die Verletzung zugefügt hatte.

Das Leben bei der RCD-ML ist grausam und voller Entbehrungen. Manchmal wurde Edouard von den Kommandanten ausgepeitscht. „Es ist das Leiden schlechthin“, sagt Edouard, „du bekommst nicht genug zu essen, keine Seife, keine Bezahlung ... und die Wunden werden nicht behandelt“. Manchmal muss er um Nahrung betteln. Sobald er sich von seiner Verletzung erholt hat, will Edouard zur Schule gehen.

Samuel

Samuel (Name geändert) stammt aus Kisangani und ist jetzt 16. Mit elf Jahren schloss er sich einer bewaffneten Gruppierung an. Damals wurden die Menschen in Kisangani ständig drangsaliert, und Samuel glaubte, in der Armee geschützt und besser aufgehoben zu sein. Er wurde zunächst nach Lubumbashi im Südosten der Demokratischen Republik Kongo geschickt. Dann schloss er sich den Soldaten der RCD-ML an und kämpfte bei Isiro und Komanda im Nordosten des Landes an der Front.

Im Dezember 2002 erlitt er in Komanda eine Knieverletzung und wurde von seiner Einheit zurückgelassen. Er gelang ihm jedoch aus eigener Kraft, sich in Sicherheit zu bringen. Vor den Kämpfen rauchten die Soldaten oftmals Drogen.

Samuel erzählte den ai-Vertretern, dass er ohne Zögern tötet. „Wenn dir der Feind gegenübersteht, dann, glaub’ ich, musst du töten“. Wenn er einen Gegner getötet hat, stößt er einen Siegesschrei aus, durchsucht die Leiche und nimmt Geld und Waffen an sich. Nach seiner Verwundung wurde er aus der RCD-ML entlassen und in ein „Umerziehungslager“ geschickt. Doch nach einem feindlichen Angriff im März 2003 tauchte ein Kommandanten der RCD-ML mit Uniformen und Waffen auf und nahm Samuel wieder mit.

Auf die Frage der ai-Vertreter, warum er kämpfe und gegen wen, antwortete Samuel: „Der Feind ist jeder, der dich angreift. Sie sagen dir, du sollst in ein Auto einsteigen, sie sagen dir aber nicht warum. Wenn du wieder aus dem Auto aussteigst, sagen sie dir, dass du jetzt dem Feind gegenüberstehen wirst.“

Thomas

Thomas (Name geändert) ist elf Jahre alt. Er gehört der ethnischen Gruppe der Hema an. Mit neun Jahren trat er freiwillig in die UPC ein. Nachdem seine Eltern getötet worden waren, glaubte er, keine andere Wahl zu haben. Sein Vater wurde abgeführt und mit einer Machete erschlagen. Seine Mutter verbrannte bei lebendigem Leib, als Lendu-Milizen alle Häuser des Dorfes in Brand steckten. Seine militärische Ausbildung erhielt Thomas in einem UPC-Lager in Mandro.

Kurz nach der Ausbildung war er auf dem Weg an die Front, als das Fahrzeug, in dem er unterwegs war, über eine Mine fuhr. Thomas trug schwere Verletzungen am linken Fuß davon und musste ein Jahr lang im Krankenhaus von Bunia behandelt werden.

Später, im März 2003, kämpfte er bei Bunia, als die ugandischen Streitkräfte die UPC zum Rückzug aus der Stadt zwangen. Im Mai 2003 eroberte Thomas mit seiner UPC-Einheit Bunia zurück. Im Juni 2003 wurde er zusammen mit weiteren UPC-Mitgliedern von Angehörigen einer multinationalen Einsatztruppe unter Leitung der Franzosen festgenommen und in eine Demobilisierungseinrichtung gebracht.

Er ist froh, nicht mehr kämpfen zu müssen, weil ihm als Kindersoldat bewusst geworden ist, dass viele Menschen grundlos getötet wurden und den Kommandanten das völlig gleichgültig war. „Wenn du an der Front stirbst, schert sich niemand darum! Wenn du an der Front verwundet wirst, kümmert sich niemand um dich! Ich habe viele meiner Freunde sterben sehen“. Nun ist er froh, wieder in Ruhe essen zu können, ohne ständig Angst zu haben, getötet zu werden. Er würde sich jedoch wieder einer bewaffneten Gruppe anschließen, wenn er allein wäre, weil er dann keine andere Wahl hätte.

Thomas versucht, nicht an seine Eltern zu denken, weil sie nie mehr zurückkommen werden. Er hofft auf ein Wiedersehen mit seinen Geschwistern. Er würde gerne eine Ausbildung zum Mechaniker machen und sich mit seinen noch lebenden Angehörigen ein neues Leben aufbauen.

Paul

Der heute elfjährige Paul (Name geändert) schloss sich freiwillig der RCD-ML an und blieb fünf Monate bei der bewaffneten Gruppe, bevor er entlassen wurde.

„Als ich an die Front kam, verlor ich alle Illusionen, die ich noch hatte“, erklärt Paul. Viele meiner Kameraden, die ebenfalls als Kindersoldaten kämpften, wurden bei den Kämpfen mit der MLC getötet. Am vierten Kampftag tötete er einen Gegner aus einiger Entfernung, ging dann zu dem Leichnam und zerschlug sein Gesicht mit einem Gewehr. Er fühlte Genugtuung, den Mann getötet zu haben, denn die MLC hatte viele seiner Freunde umgebracht.

Seit seiner Entlassung als Kindersoldat hat er nicht mehr den Wunsch, sich bewaffneten Gruppierungen anzuschließen. In der Einrichtung, in der er zurzeit betreut wird, erhalten die Kinder Unterricht über Menschenrechte. Es gibt dort jedoch nicht genug Medikamente. Paul möchte zur Schule gehen und Tierarzt werden. Er denkt an seine Eltern, die in einiger Entfernung leben und die er vor kurzem gesehen hat. Er möchte aber zunächst in der Einrichtung bleiben und seine Ausbildung fortsetzen.

Jean-de-Dieu

Jean-de-Dieu ist 15 Jahre alt und stammt aus Isiro in der Region Haut-Uele im Nordosten des Landes. Er schloss sich 2001 freiwillig der UPC in Isiro an. Der damals 13-Jährige war eines Tages heimgekommen und hatte das Haus nach einem Überfall der Lendu-Milizen verwüstet und seine Mutter in einer Blutlache liegend vorgefunden. Die Mutter starb später in einem Krankenhaus in Kisangani.

Jean-de-Dieu hat an mehreren Orten gekämpft. Seinen Angaben zufolge hat er in Nyakunde sechs Menschen getötet. Die Lebensbedingungen waren hart. Die Kinder kämpften ohne Stiefel, und das Pfeifen der Kugeln und das Dröhnen der schweren Waffen ließen sie fast taub werden. Die Kinder mussten an vorderster Front kämpfen, während die Erwachsenen hinter ihnen blieben.

Im Jahr 2002 wurde seine Einheit in Songolo an einem Flussufer eingeschlossen und viele seiner Kameraden ertranken bei dem verzweifelten Versuch, durch den Fluss zu schwimmen. Viele weitere – mindestens 40 – wurden erschossen. Er weiß nicht, wie er diese Schlacht überlebt hat. „Vielleicht war es Glück und Gottes Wille“, sagt er bewegt.

Jean-de-Dieu ist froh, die bewaffnete Gruppe verlassen zu haben. Zu viele seiner Freunde sind auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben. Er bereut, was er in Nyakunde getan hat, wo er an Plünderungen beteiligt war. Er hatte einen Fernseher und ein Fahrrad mitgenommen, die ihm sein Kommandant wieder abnahm und für sich reklamierte. Er war darüber wütend, konnte aber nichts tun, da man ihn sonst sofort erschossen hätte.

Jetzt möchte er seine Ausbildung fortsetzen und träumt davon, nach Europa zu gehen. Er möchte ein besseres Leben und hat sich geschworen, nie wieder als Soldat zu kämpfen: „Ich möchte ein normales Leben, wie jeder andere auch, und gut essen“.

letzte Aktualisierung: 9.9.2003


amnesty international

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