Mit 19 Jahren gelang ihr die Flucht aus Uganda. Sie landete in Südafrika, wo sie jedoch vom ugandischen Geheimdienst aufgespürt und misshandelt wurde. Mit Hilfe der Vereinten Nationen kam sie 1999 nach Dänemark, wo sie heute lebt.
Um das Erlebte zu verarbeiten, schrieb China Keitetsi ihre Geschichte nieder. Aus ihrer Geschichte wird ein Buch. Der Bestseller „Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr“ ist ein einzigartiges Zeugnis und ein eindringlicher Appell, den Einsatz von Kindersoldaten international zu ächten. China Keitetsi ist die erste Kindersoldatin, die ihre Lebensgeschichte veröffentlichte.
Buchtip:
China Keitetsi: Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr. Mein Leben als Kindersoldatin. Aus dem Dänischen von Sigrid Engeler. Ullstein Verlag, München 2002, 320 Seiten, 20 Euro. |  |
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 | ai-Lesereise mit China Keitetsi
Am 10. September 2003 hat China Keitetsi auf Einladung von ai ihre Lesereise durch Deutschland gestartet.
Aktuelle Termine 2004
09.02. 20.00 Uhr, Stadtbibliothek Freiburg, Münsterplatz 17, 79098 Freiburg
10.02. 20.00 Uhr, Söhnlin-Keller, Müllheim (Südbaden)
12.02. 20.00 Uhr, Osiandersche Buchhandlung, Wilhelmstr. 12, 72074 Tübingen
17.02. 19.30 Uhr, Salemer Pfleghof, Untere Beutau 8-10, 73 728 Esslingen
18.02. Abend-VA, Marktdreieck, 71332 Waiblingen
19.02. 20.00 Uhr, Stadtbibliothek Pforzheim, Deimlingstr. 12, 75175 Pforzheim
29.03. Abend-VA, Näheres in der Tagespresse, Köln
30.03. Abend-VA, Näheres in der Tagespresse, Bergisch-Gladbach
31.03. 20.00 Uhr, Allerwelthaus, Potthofstr. 22, 58095 Hagen
01.04. 19.30 Uhr, Gasthaus zur Traube, Am Stad 40, 37296 Eschwege
02.04. 18.30 Uhr, Internat. Zentrum Caritas, Hünefeldstr. 54 a, 42285 Wuppertal
19.04. Abend-VA, Näheres in der Tagespresse, Weingarten
20.04. Abend-VA, Näheres ind er Tagespresse, Nürtingen
21.04. 20.00 Uhr, St. Luzen Bildungshaus, Klosterstr. 6, 72379 Hechingen
22.04. 19.00 Uhr, St. Franziskus-Gymnasium, St. Franziskusstr. 2, Kaiserslautern
23.04. 19.30 Uhr, Ev. Stadtkirchengemeinde, Kiesstr. 17, 64283 Darmstadt
24.04. 20.00 Uhr, Kulturhof Flachsgasse, Flachsgasse 3, 67346 Speyer
25.04. Abend-VA, Näheres in der Tagespresse, Bad Honnef
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China im Gespräch mit dem ai-JOURNAL
(aus: ai-JOURNAL 03/2003)
China Keitetsi ist eine ehemalige Kindersoldatin aus Uganda. Sie dokumentierte ihre Geschichte in einem außergewöhnlichen Buch. Heute bemüht sich die 26-Jährige um internationale Hilfe für Kindersoldaten. Das ai-JOURNAL traf Keitetsi während eines Deutschlandbesuchs.
ai-Journal: Sie wurden 1984 von der „National Resistance Army” (NRA) unter Yoweri Museveni, dem heutigen Präsidenten Ugandas, rekrutiert. Was waren die Aufgaben der Kindersoldaten?
China Keitetsi: Unsere Aufgabe war es, zu spionieren und die Konvois der Regierung in Hinterhalte zu locken. Die kleinen Kinder mussten Munition und Waffen transportieren, die wir den Feinden abgenommen hatten. Wir mussten Wasser und Feuerholz heranschaffen und für die Offiziere kochen. Jedes Kind bekam eine AK-47, und es wurde uns gesagt, das Gewehr sei unsere Mutter, unser Freund. Unsere Waffen waren das einzige, was uns nahestand, denn wir hatten sie 24 Stunden am Tag. Beim Schlafen legten wir sie neben uns, umarmten sie geradezu. Die Jungen nannten ihre Gewehre „Ehefrauen”, weil sie die Waffen immer im Arm hielten.
Sie waren auf der Flucht vor ihrer gewalttätigen Familie, als sie rekrutiert wurden. Gab es auch viele Waisen unter den Kindersoldaten?
China Keitetsi: Ja. Viele Kinder gehörten zur ethnischen Gruppe der Baganda. Die „National Resistance Army” hatte den Krieg in dieser Region begonnen, und viele Kinder verloren ihre Angehörigen. Sie hatten keine Familie mehr und landeten dann in der NRA.
Wie waren die Beziehungen unter den Kindern?
China Keitetsi: Wir waren Freunde, aber wir trauten einander nicht. Wir sprachen über unsere Gewehre, aber nicht über unsere Gefühle. Wenn du zugegeben hättest, dass du Angst hast, hätten die anderen dich als Feigling bezeichnet und ausgelacht. Wir mussten immer mutig sein und vorgeben, dass wir glücklich waren mit dem, was wir taten. Wer mutig war und die Befehlshaber beeindruckte, wurde befördert. Und deshalb taten wir alles nur Denkbare, um unsere Führer zu beeindrucken. Wir wollten ihre Aufmerksamkeit. Weiter dachten wir nicht.
Sie schreiben, dass Sie als „gefährlich” galten. Inwiefern hat die Armee Sie brutalisiert?
China Keitetsi: Ich wurde Feldwebel als ich noch sehr jung war, und ich war ein Mädchen. Die Unteroffiziere und Soldaten respektierten mich weniger als die männlichen Feldwebel. Das war schlimm für mich, denn als Feldwebel musste ich dafür sorgen, dass die Soldaten gehorchten. Ich hatte große Angst davor, dass sie sich meinen Anweisungen widersetzen würden und ich gezwungen sein könnte, sie zu erschießen.
Die NRA marschierte 1986 in Kampala ein, und Museveni wurde Präsident. Was geschah mit den Kindersoldaten?
China Keitetsi: Als wir die Regierung übernahmen, wollten alle hohen Offiziere Kinder als Leibwächter. Präsident Museveni hatte unzählige Kinder als Leibwächter, unter anderem einen Freund von mir, der war neun Jahre alt und ist inzwischen tot. Die Offiziere waren stolz darauf, Kinder als Leibwächter einzusetzen, denn sie konnten uns vertrauen. Es war einfach, uns Anweisungen zu erteilen. Die Offiziere wollten vor allem Mädchen, um sie sexuell missbrauchen zu können. Für uns Mädchen war es sehr hart, uns wurde ständig Gewalt angetan. Es waren nicht nur zwei, drei Offiziere, die uns sexuell missbrauchten, alle betrachteten uns als Freiwild. Viele Mädchen starben bei dem Versuch, abzutreiben, viele starben an Aids. Es gab Fälle, in denen Offiziere, nachdem sie erfahren hatten, dass sie an Aids erkrankt waren, mit möglichst vielen Mädchen schlafen wollten, um sie anzustecken. Sie haben uns unsere Würde und unsere Identität als Frau genommen. Jedes Mal, wenn ich daran denke, schneidet es mir ins Herz. Sie gaben uns das Gefühl, dass wir als Frauen ein Nichts sind. Man fühlt sich schmutzig, wie ein Stück Papier, das weggeworfen wird. Sie haben einen Teil von mir zerstört, und damit muss ich jetzt leben.
Sie kamen 1999 mit Hilfe der UNO nach Dänemark. Was machen Sie heute?
China Keitetsi: Als ich nach Dänemark kam, begann ich zunächst Dänisch zu lernen, dann arbeitete ich in einem Kindergarten. Das hat mir sehr geholfen, denn beim Spielen mit den Kindern konnte ich ein bisschen von meiner Kindheit nachholen. Außerdem bin ich in psychologischer Behandlung, was mir auch sehr geholfen hat. Ich möchte mich künftig ganz der Arbeit mit Kindern widmen und plane ein Heim für Kindersoldaten in Ruanda. Ich hoffe, dass das Projekt bereits im Juli starten kann. Ich würde gerne anderen Kindersoldaten etwas von der Freiheit geben, die ich inzwischen genieße.
Wie kann Kindersoldaten geholfen werden?
China Keitetsi: Ich halte es für wichtig, Heime und Schulen zu schaffen und ihnen eine Zukunft anzubieten. Es ist sehr hart für Kindersoldaten, in ein normales Leben zurück zu finden, denn sie haben keine Ausbildung und sind traumatisiert. Ich reise durch viele Länder und bitte die Menschen, Organisationen wie Unicef und andere zu unterstützen, die sich für Kindersoldaten engagieren. In Deutschland gab es nach dem Erscheinen meines Buches sehr viele Reaktionen. Es hat mich gefreut, dass sich so viele für das Thema interessieren. Ich bin sicher, dass wenn sich genügend Menschen finden, die sagen, gebt diesen Kindern einen Stift statt einer Waffe, dann können wir erreichen, dass es irgendwann keine Kindersoldaten mehr gibt.
Wie hat die ugandische Regierung auf ihr Buch reagiert?
China Keitetsi: Der Präsident war nicht begeistert, denn ich schreibe in dem Buch auch über ihn und seine Generäle. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass eine Anklage gegen mich vorbereitet wird, und ich habe per E-Mail Drohungen erhalten, die mich einschüchtern sollen. Die Regierung möchte mich zum Schweigen bringen. Ich habe jedoch auch Unterstützung aus Uganda bekommen, zum Beispiel von Studenten. Natürlich habe ich Angst, aber ich werde trotzdem nicht schweigen. Mir wurde meine Kindheit genommen, ich habe alle meine Freunde verloren, und Museveni sah zu, wie seine Kommandeure uns missbrauchten. Noch heute benutzt Museveni Kinder, er hat Kinder in seiner Leibwache, und 2001 hat eine Dokumentation von CNN und BBC gezeigt, dass die ugandische Regierung 700 Kinder aus dem Kongo holte, um sie in ugandischen Lagern auszubilden. Unicef ist es später gelungen, 165 dieser Kinder zurückzubringen. Meiner Meinung nach gehört Museveni auf die Anklagebank und nicht ich.
Interview: Wera Reusch (Die Autorin ist freie Journalistin in Köln.)
letzte Aktualisierung: 9.9.2003