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amnesty journal Juni 2004
TÜRKEI
Porträt der kurdischen Menschenrechtsverteidigerin Reyhan Yalcindag
Mit erhobener Stimme
Neun Tage hat man mich festgehalten und misshandelt“, berichtet die Anwältin Reyhan Yalcindag bei ihrem Besuch in Berlin, als handele es sich hierbei um eine Selbstverständlichkeit. Schon als Studentin habe sie sich in der Türkei für die Menschenrechte eingesetzt. Sie wurde wegen ihres Engagements bereits mehrmals verhaftet und sogar gefoltert. Abhalten lassen hat sich die selbstbewusste Kurdin davon allerdings nicht. Heute ist die engagierte Menschenrechtsverteidigerin 29 Jahre alt. |  | 
Reyhan Yalcindag © privat |
Yalcindag arbeitet ehrenamtlich, finanzielle Unterstützung erhält sie nur von ihren Eltern. Was motiviert die junge Anwältin, unter großer Gefahr und ohne finanziellen Anreiz für die Menschenrechte zu streiten? Sie erzählt, wie sie 1980 als kleines Mädchen den Militärputsch erlebte. Zwei ihrer Onkel wurden verhaftet, viele Bekannte getötet. Und auch mit der Diskriminierung wegen ihrer kurdischen Herkunft machte sie ebenfalls schon früh Erfahrung: „Mein Onkel schimpfte mich eines Tages aus, als er mich dabei ‚erwischte’, beim Spielen ein kurdisches Kinderlied zu singen“, berichtet sie. Heute spricht sie, wie viele Kurden, ihre Muttersprache nur noch schlecht.
Nach Abschluss ihres Jurastudiums in Ankara entschied sich Yalcindag 1997, in ihre Heimatstadt Diyarbakir im Südosten des Landes zurückzukehren. Sie arbeitete dort in einer Kanzlei als Rechtsanwältin und lernte dabei die angesehene Menschrechtsorganisation IHD kennen. Heute ist sie stellvertretende Vorsitzende der Organisation.
Als Yalcindag begann, sich bei der IHD zu engagieren, war das Büro der Organisation in Diyarbakir offiziell geschlossen. Die türkischen Behörden misstrauten den Aktivitäten der Anwälte und Anwältinnen, da diese die Menschenrechtsverletzungen an der kurdischen Minderheit anprangerten. Trotz zahlreicher Repressalien wie Morddrohungen, Entführungen und politischen Morden arbeiteten die Aktivisten von IHD weiter, um den Opfern von Menschenrechtsverletzungen Gehör zu verschaffen. „14 unserer Vorstandsmitglieder sind bereits ums Leben gekommen“, berichtet Yalcindag und beschreibt damit auch die Gefahr, in der sie sich befindet.
Ihre Arbeit bezieht sich hauptsächlich auf Fälle von Folter, die Situation von Häftlingen und die Probleme der kurdischen Minderheit. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Kampf für die Rechte der Frau, wie etwa gegen die so genannten Ehrenmorde. Yalcindags erhobene Stimme und ihr eindringlicher Blick lassen erkennen, wie wichtig es ihr ist, Gewalt gegen Frauen zu verhindern. „Im Jahr 2003 haben 41 Frauen Selbstmord begangen, und 76 wurden im Namen der Ehre getötet“, berichtet sie. Das Engagement der IHD geht dabei über die rein juristische Unterstützung der Opfer hinaus. So ist geplant, ein Frauenreferat zu gründen, in dem von Gewalt betroffene Frauen umfassende rechtliche und psychologische Hilfe finden können. „In der gesamten Türkei gibt es bisher nur 14 Frauenhäuser“, erzählt Yalcindag.
In der Frage der Geschlechterdemokratie gibt es aber auch positive Beispiele, eines davon ist die IHD selber. So ist die engagierte Kurdin längst nicht die einzige Frau, die in dem türkischen Menschenrechtsverein etwas zu sagen hat: Zwei der drei stellvertretenden Vorsitzenden sind Frauen, und insgesamt sind 38 Prozent der 16.000 Mitglieder weiblichen Geschlechts.
Ulrike Stock - Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin und lebt in Berlin.
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