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amnesty journal Mai 2004

MEXIKO / INTERVIEW MIT JUDITH GALARZA

„Wer sind die Mörder?“


Die mexikanische Menschenrechtsverteidigerin Judith Galarza über die Hintergründe der Gewalt an Frauen in Lateinamerika.


ai-JOURNAL: Vor über 25 Jahren verschwand Ihre Schwester. Wissen Sie heute, was damals geschehen ist?

Judith Galarza: Sie verschwand am 4. Januar 1978 und wurde kurze Zeit später im „Campo Militar No. 1“ gesehen, der Zentrale des Militärs in Mexiko-Stadt. Die Polizei sagt, sie wisse nichts. Wir wollen immer noch wissen, warum sie verschwunden ist und wer die Verantwortlichen sind.

Judith Galarza © privat
Judith Galarza
© privat
Warum wurde Ihre Schwester entführt?

Die Motive waren politisch. Meine Schwester war Teil der bewaffneten Bewegung „Liga Comunista 23 de Septiembre“. Nach dem Massaker von Tlatelolco 1968 wurden die politischen Spielräume immer enger. Tausende wurden eingesperrt und gefoltert, viele ermordet oder verschwanden einfach, Arbeiter, Bauern, Indígenas, Studenten, Intellektuelle. Da die Möglichkeiten einer demokratischen Einflussnahme fehlten, schlossen sich damals viele junge Leute bewaffneten Gruppen an.

Das Verschwinden Ihrer Schwester war der Ausgangspunkt Ihres Engagement.

Ja. Die Bewegung, an der meine Schwester teilgenommen hatte, schickte einen Brief. Darin hieß es, meine Schwester sei „gefallen“. „Gefallen“, was soll das heißen, fragten wir uns. Ist sie tot? Gefangengenommen?

Wir fingen an, sie zu suchen. Aber alle Behörden behaupteten, sie wüssten nichts. Meine Schwester hatte eine fünfjährige Tochter. Wir fanden sie in Guadalajara bei einer anderen Familie. Es war eine sehr schmerzhafte Situation, zwar meine Nichte bei einer anderen Familie zu finden, aber keine Spur meiner Schwester.

Wir wissen jedoch, wer sie gejagt hat. Die politische Polizei kam sechs Monate bevor meine Schwester verschwand, nahm meine Mutter und meine Geschwister mit und hielt sie drei Tage lang fest. Sie folterten sie und wollten wissen, wo meine Schwester sei. Uns war also damals klar, wer uns angriff.

Heute scheinen die Hintergründe nicht so klar zu sein. Es gibt zahlreiche Morde an Frauen, bei denen man kein politisches Motiv erkennen kann.

In den sechziger und siebziger Jahren wussten wir sehr genau, wer für die Repression in Ciudad Juarez verantwortlich war. Heute ist die Situation komplexer. Man kann den Gegner nicht genau ausmachen. Es gibt Frauenorganisationen, die sagen, es liegt an den machistischen Männern. Das ist zu einfach.
Unzweifelhaft gibt es kranke Menschen, die Frauen zur sexuellen Befriedigung töten, für pornographische Videos oder satanische Zwecke missbrauchen. Aber warum können sie das tun? Weil der Staat es zulässt! Auch wenn nicht gezielt politisch aktive Frauen betroffen sind, ist eines sicher: Wenn wir Frauen uns nicht mehr in die Politik einmischen, nützt das unserer Beherrschung. Wenn sich Frauen aus Angst vor Morden nicht mehr auf die Straße trauen, sich nicht mehr äußern und einmischen, dann können sie auch nicht mehr zur politischen Veränderung in Chihuahua beitragen. Und die Frauen spielten eine wichtige Rolle beim politischen Wandel in Chihuahua, bei der Abwahl der PRI (Partei der institutionellen Revolution), und der Regierungsübernahme durch die PAN (Partei der Nationalen Aktion).
Eine andere Ursache liegt in der Straflosigkeit für die Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit. Es sind teilweise die gleichen Leute, die früher unsere Angehörigen verschwinden ließen, die jetzt mit dem Drogenhandel in Verbindung stehen. Und ehemalige staatliche Folterer arbeiten jetzt für private Sicherheitsfirmen. Z.B. wissen wir, dass Miguel Nazzardo, einer der Mitverantwortlichen für die Folter durch die Bundesgeheimpolizei, heute Besitzer einer privaten Sicherheitsfirma ist. Solche Leute haben natürlich die idealen Voraussetzungen, um das organisierte Verbrechens zu schützen.

Die massenhaften Morde an Frauen in Chihuahua sind kein neues Phänomen. Warum weiß man immer noch so wenig über die Täter?

Weil die Behörden nichts unternehmen. Und sie unternehmen nichts, weil der Feind sehr mächtig ist. In Chihuahua und vielen anderen Orten in Mexiko sind die wirtschaftlich und politisch Mächtigen direkt oder indirekt mit der organisierten Kriminalität verbunden. In Ciudad Juarez, an der Grenze zu den USA, operiert das vermutlich größte Drogenkartell überhaupt. Und die Leute in der Regierung von Chihuahua haben, wenn sie nicht direkt mit dem Kartell verbunden sind, zuviel Angst, um dagegen vorzugehen.

Gibt es auf der Bundesebene Kräfte, die der Drogenmafia entgegentreten können?

Die Frage ist zunächst, ob es auch auf der Bundesebene Kräfte gibt, die die Verbrechen decken. Ein Beispiel: Recherchen der Journalisten Diana Washington und Sergio Gonzales haben ergeben, dass vier wirtschaftlich sehr mächtige Personen in die Ermordung der Frauen verwickelt sind. Aus diesem Kreis wurde auch die Wahlkampagne des jetzigen mexikanischen Präsidenten Fox unterstützt. Wir fordern, dass das untersucht wird.

Hilft dabei der internationale Druck?

Unsere Organisation kann allein nichts ausrichten. Wenn wir etwas sagen, müssen wir Repressionen befürchten und unsere Familien werden bedroht. Deshalb haben wir gar keine andere Option, als auf internationale Unterstützung zu bauen.

Gibt es inzwischen positive Entwicklungen wegen des internationalen Drucks?

Es wurde jetzt auf Bundesebene eine Sonderstaatsanwaltschaft eingerichtet. Wir müssen aber erst abwarten, wie diese sich verhalten wird.

Sie kennen auch die Situation in anderen Ländern. Sehen Sie Parallelen zu den gehäuften Fällen von Frauenmorden in anderen Ländern Lateinamerikas?

Die Morde in Guatemala und Honduras weisen die gleichen Charakteristika auf. Auch in Argentinien gibt es ähnliche Fälle. Überall in diesen Ländern gibt es völlig verrohte Polizisten, Soldaten und Paramilitärs, die man alle Arten von Grausamkeiten hat begehen lassen und die bis heute frei herumlaufen.

Woraus schöpfen Sie die Kraft, weiter zu kämpfen?

Als meine Schwester verschwand, begann ich, mich an diesem Kampf zu beteiligen. Und bis heute gibt mir meine Schwester die Kraft, weiter zu machen. Für mich ist sie noch lebendig, auch wenn ich nicht weiß, was mit ihr geschehen ist. Von ihr habe ich gelernt, dass die Rolle der Frau nicht darin besteht, zu gehorchen, das Haus zu putzen und zu kochen, sondern dass wir eine sehr wichtige Rolle dabei spielen, diese Welt in eine gerechtere Welt zu verwandeln.

Das Interview führte Ferdinand Muggenthaler. Er ist Lateinamerika-Experte der deutschen Sektion von amnesty international.



Menschenrechtsverteidiger in Lateinamerika

Judith Galarza ist Generalsekretärin von FEDEFAM, einer lateinamerikaweiten Organisation von Angehörigen „Verschwundener“.

Weitere Informationen über die Situation von Menschenrechtsverteidigern in Lateinamerika enthält die Broschüre „Unverzichtbare Vorkämpfer der Gegenwart“. Zu bestellen bei ai, Postfach 7123, 71317 Waiblingen.

amnesty international

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