PORTRAIT
Hoffnung trotz aller Widrigkeiten
Im Tschad kämpft Jacqueline Moudeina seit Jahren für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen.
| Wenn sich abends die Dunkelheit über N´Djamena senkt, muss Jacqueline Moudeina ihre Arbeit beenden. Denn in den meisten Vierteln der tschadischen Hauptstadt fehlt es an Elektrizität und fließendem Wasser. So beginnt jeder Tag damit, erst einmal die grundsätzlichsten Dinge zu organisieren. Dabei ist ihre Arbeit schon schwer genug: Jacqueline Moudeina ist Menschenrechtsanwältin im Tschad. Mit ihrer Nichtregierungsorganisation ATPDH („Tschadische Vereinigung für die Verteidigung und die Förderung der Menschenrechte“) kämpft sie seit neun Jahren für die Rechte der Bevölkerung in dem zentralafrikanischen Land. Sie setzt sich vor allem für die Rechte von Frauen, Kindern und benachteiligten Bevölkerungsgruppen ein und kämpft gegen die Ignoranz der Regierung und gegen Straffreiheit für Menschenrechtsverletzungen. |  | 
Jaqueline Moudina © ai |
Unerschöpfliche Energie und einen grenzenlosen Optimismus scheint Jacqueline Moudeina dabei zu besitzen, denn die fehlende Elektrizität ist nicht das einzige, was ihr das Leben und die Arbeit schwer macht. Frauen, so sagt sie, müssten im Tschad doppelt so hart arbeiten wie Männer, um anerkannt zu werden. Sie hat sich durchgesetzt und liebt ihren Beruf, für den sie manches Risiko in Kauf nimmt. So wurde sie vor zwei Jahren bei einer friedlichen Demonstration für Kinder- und Frauenrechte in N´Djamena von einer Handgranate verletzt (siehe Artikel Seite 22). Moudeina reiste nach Paris, wo ihre Verletzungen behandelt wurden. Man riet ihr davon ab, in ihr Land zurückzukehren. Nichts konnte sie jedoch davon abhalten, nach ihrer Genesung wieder in den Tschad zu reisen. „Ich habe eine Aufgabe übernommen, die ich zu Ende führen will.“
Jacqueline Moudeina wurde 1957 in Koumra geboren, einer Stadt im Südosten des Landes. Sie verlor ihre Eltern und wuchs als Waisenkind auf. Doch schon früh bewies sie Kampfgeist: Sie machte ihr Abitur in N´Djamena, studierte im kongolesischen Brazzaville Jura, kehrte schließlich in die Hauptstadt des Tschad zurück und begann im Jahr 1994 ihre Arbeit für die Menschenrechtsorganisation. Ihr Antrieb, so sagt sie, sei vor allem auf ihre Kindheit als Waise zurückzuführen. Allen Kindern soll das ermöglicht werden, was sie erreicht hat. Deswegen organisiert ATPDH Seminare und Fortbildungen für Kinder und betreibt Aidsaufklärung. Für ihr Engagement erhielt Moudeina vor zwei Jahren den Martin-Ennals-Preis in Genf, der alljährlich mutige und gefährdete Menschenrechtler auszeichnet.
Besonders Frauen suchen Hilfe bei der Nichtregierungssorganisation ATPDH. Mit unermüdlicher Energie nimmt Moudeina sich ihrer Anliegen an. Viele Frauen berichten von schweren Menschenrechtsverletzungen während der Regierungszeit von Hissein Habré, der als Diktator bis 1990 die Geschicke des Landes bestimmte. Unter seinem Regime „verschwanden“ unzählige Menschen oder wurden gefoltert. Nun hat ATPDH Klage gegen den im Senegal lebenden Habré eingereicht - in Belgien. Dort erhofft man sich größere Chancen auf eine Verurteilung des Diktators. Der Prozess soll ein Symbol für die Opfer im Kampf gegen die Straffreiheit sein, und liegt Moudeina deshalb besonders am Herzen.
ATPDH rief gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen am Tag der Eröffnung der Ölpipeline, die vom Tschad nach Kamerun führt, einen „Tag der Trauer“ aus. Die Menschenrechtler befürchten, dass als Folge dieses Projektes noch mehr Menschenrechtsverletzungen geschehen.
Immer wieder wird Moudeina selbst Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Kurz vor Weihnachten brachen Unbekannte in ihr Büro ein und durchsuchten es. Um unter diesen Bedingungen weiterzumachen, bedarf es einigen Optimismus. Sie scheint ihn zu haben. Sie gebe die Hoffnung nicht auf, sagt sie. Das sei das Einzige, worauf sie sich bei ihrer schwierigen Aufgabe verlassen könne.
Margarete Jacob
Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.