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amnesty journal Oktober 2003

IRAK

Interview

Mehr Respekt und Rechte

1996 öffnete „Khanzad“ als erstes unabhängiges irakisches Frauenzentrum in Sulaimania seine Tore. Heute ist es Anlaufstelle für mehr als 7.000 Frauen und Mädchen. Bei ihrem Deutschland-Besuch im Juli berichtete Khandan Mohammed Jeza, die Leiterin des Frauenzentrums, über Morde im Namen der Ehre, die Situation von weiblichen Gefangenen und über neue Herausforderungen nach dem Sturz des Regimes.

ai-JOURNAL: Für welche Frauen ist „Khanzad“ gedacht und wie sieht Ihr Programm aus?

Khandan Mohammed Jeza: Die Tür von „Khanzad“ steht allen Frauen offen. Ziel unserer Arbeit ist es, Frauen über ihre Rechte aufzuklären, sie zu verteidigen und zu schützen. Eine Sozialarbeiterin und eine Rechtsanwältin bieten individuelle, rechtliche und soziale Beratung an. Die Frauen können sich fortbilden, Alphabetisierungs-, Computer- oder Nähkurse belegen, ihren Führerschein machen oder einfach Sport treiben.

In jüngster Zeit kommen aus dem Zentralirak vermehrt Nachrichten, dass Frauen aus „Gründen der Ehre“ von ihren männlichen Familienangehörigen umgebracht werden. Wie sieht die Situation im Nordirak aus?

Khandan Mohammed Jeza: Hier kam und kommt es zu sogenannten „Ehrenmorden“ an Frauen und Mädchen. Es gibt ein Gesetz der „Ehrenwaschung“, das für die Tötung einer weiblichen Familienangehörigen aus Gründen der „Familienehre“ nur eine geringe Strafe vorsieht. Ich habe den Eindruck, dass die Tötungen von Frauen und Mädchen aus „Ehrengründen“ deutlich abgenommen haben. Hier haben mehrere Faktoren zusammengewirkt: Zum einen konnten die 35 Frauenorganisationen im Nordirak in den letzten Jahren erreichen, dass die Öffentlichkeit und die Medien auf das Thema aufmerksam wurden und sich Gesetze änderten. Zum anderen war die kurdische Regionalregierung offen für unsere Forderungen. Und schließlich hat Jalal Talabani, der politische Führer in unserer Region, öffentlich erklärt, dass er jede bedrohte Frau unter seinen persönlichen Schutz stellt.

Was machen Sie, wenn es zu Gewalt gegen Frauen in der Familie gekommen ist, oder eine Frau bedroht ist, Opfer einer „Ehrentötung“ zu werden?

Khandan Mohammed Jeza: Wir bringen die Frauen in eines der Zufluchtshäuser und suchen dann nach einer Lösung, die dauerhaft ist und die bestehenden Familien- und Stammesstrukturen respektiert. Wir führen intensive Gespräche, insbesondere mit den männlichen Angehörigen. Dabei spielen die alten, weisen Männer eine besondere Rolle, weil ihr Urteil meist respektiert wird. Wenn eine Frau in ihre Familie zurückkehrt, überwachen wir die Situation und beziehen hier verstärkt die weiblichen Familienangehörigen mit ein, um sicher zu gehen, dass die Frauen geschützt sind. Wenn ein solcher Versöhnungsprozess nicht erfolgreich ist, machen wir den potentiellen Tätern klar, dass sie mit einer Anklage wegen Mordes zu rechnen haben. Am Ende gibt der Vater oder Ehemann eine offizielle Erklärung vor Gericht ab, dass er die Verantwortung für den Schutz und die Sicherheit der Frau übernimmt. Leider müssen wir auch Rückschläge erleben. Frauen wurden trotz der Zusagen der Familien getötet oder mussten Schutz im Ausland suchen.

„Khanzad“ arbeitet als einzige Frauenorganisation seit drei Jahren direkt im Untersuchungsgefängis von Sulaimania. Welche Haftbedingungen haben Sie vorgefunden?

Khandan Mohammed Jeza: Als unser Team aus Sozialarbeitern, Ärzten und Rechtsanwälten seine Arbeit begann, waren die Haftbedingungen im Frauentrakt des Untersuchungsgefängnisses erschreckend. Die Frauen waren alle in einer großen Zelle ohne Fenster untergebracht. Jede Frau hatte lediglich einen 70 Zentimeter breiten Streifen als Schlafstätte für sich und ihre Kinder. Es gab keine Waschmöglichkeit. Wir haben Frauen angetroffen, die sich seit drei Jahren nicht mehr die Zähne geputzt hatten.

Und welche Verbesserungen konnten erreicht werden?

Khandan Mohammed Jeza: „Khanzad“ hat auf die katastrophalen Haftbedingungen der Frauen aufmerksam gemacht und Druck auf die zuständigen Behörden ausgeübt. Mit Erfolg: Wir konnten erreichen, dass das Untersuchungsgefängnis nun in einem neuen hellen Gebäude untergebracht ist. Es wurde weibliches Wachpersonal eingestellt, und es gibt jetzt sechs Zellen, in denen jeweils bis zu drei Frauen mit ihren Kindern untergebracht sind. Jede Frau und jedes Kind haben ein eigenes Bett und einen Schrank. Auch die hygienische Situation hat sich deutlich verbessert und es gibt eine medizinische Fachkraft. Die Frauen haben einen Fernseher, Zeitungen und eine kleine Bibliothek zur Verfügung. Das bedeutet insgesamt mehr Respekt und Rechte für die Frauen.

Warum sind die Frauen in Untersuchungshaft?

Khandan Mohammed Jeza: Nach den Erfahrungen, die „Khanzad“ in den letzten drei Jahren in Sulaimania gesammelt hat, befinden sich lediglich 10 Prozent der Frauen wegen Delikten wie Diebstahl, Körperverletzung oder Mord in Untersuchungshaft. Etwa 90 Prozent der Frauen werden Sexualdelikte wie Ehebruch oder Prostitution vorgeworfen. Das Gesetz gegen Prostitution wird in der Praxis jedoch auch auf alle Fälle von tatsächlichen oder mutmaßlichen vorehelichen sexuellen Beziehungen angewendet. Wenn eine Anzeige bei der Polizei erstattet wird, kommen die Frauen in Untersuchungshaft, egal ob Beweise vorliegen oder nicht. Die Untersuchungshaft ist gesetzlich auf drei Monate begrenzt. Dennoch blieben einige Frauen bis zu drei Jahren im Gefängnis. Die Ermittlungsbehörden hatten die Akten einfach nicht bearbeitet. Viele Frauen werden dann auch oft von den Familien verstoßen.

„Khanzad“ hat einen Rechtsanwalt beauftragt, sich darum zu kümmern, dass die Akten der Frauen bearbeitet werden. Die maximale Dauer der Untersuchungshaft wird jetzt weitgehend eingehalten und im Durchschnitt sind nur noch sechs Frauen gleichzeitig in Untersuchungshaft, nicht mehr 30 wie zu Beginn unserer Arbeit.

Wie hat sich der Sturz der Ba’ath-Regierung im Zentralirak auf die Arbeit von „Khanzad“ ausgewirkt?

Khandan Mohammed Jeza: Wir konzentrieren uns zum einen mehr auf die so genannten Anfal-Frauen (s. dazu den Artikel von Karin Mlodoch). Diese Frauen hatten vor dem Krieg noch die Hoffnung, dass ihre seit 1988 verschwundenen Familienangehörigen zurückkommen werden. Jetzt findet man überall im Irak Massengräber.

Die zweite Gruppe besteht aus Familien, die die irakische Regierung aus Kirkuk und Khanaqin deportieren ließ. Viele dieser Familien kehren nun spontan in ihrer Herkunftsorte zurück. Dort finden sie völlig veränderte Bedingungen vor: Oft leben nun arabische Familien in ihren Häusern und sie finden keine Arbeit. Neben den politischen und sozialen Spannungen kommt es auch zu Krisen innerhalb der Familien. Unsere Ärzte und Sozialarbeiter versuchen deshalb, im Dialog mit den Betroffenen nicht nur die Familien medizinisch und materiell zu versorgen, sondern auch das friedliche Zusammenleben zwischen den verschiedenen Gruppen zu fördern. Erste Kontakte mit Frauen aus Kirkuk, Bagdad und Basra haben gezeigt, wie groß das Interesse ist, von unseren Erfahrungen zu lernen. Die Zusammenarbeit und Unterstützung der Frauen im Zentralirak ist eine der neuen Herausforderungen für die Frauenorganisationen im Nordirak.

Interview: Ruth Jüttner

Die Autorin ist Nahost-Referentin der deutschen ai-Sektion.

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