suchen / sitemap / kontakt / shop
suchen  

amnesty journal Januar 2006

Inside Guantánamo

Rechtsanwalt Clive Stafford Smith besucht regelmäßig seine Mandanten in dem Gefangenenlager, das er Amerikas »gesetzesfreie Zone« nennt.

Unsere zwölfsitzige Maschine der Air Sunshine landet just in dem Moment auf der Marinebasis von Guantánamo Bay, als die Sonne hinter dem Hangar untergeht. Mein militärischer Begleitschutz erwartet mich bereits und zur Begrüßung machen wir ein paar Witzchen über die Bedrohung der nationalen Sicherheit, die von den Vertretern der Rechtsberufe anscheinend ausgeht: Denn Anwälte müssen ihre Nächte auf der anderen Seite der Bucht verbringen, in sicherer Entfernung zur eigentlichen Basis und dem Gefängnis. Schließlich setzt er mich vor meinem Motel mit dem offiziellen Namen »Gemeinsames Junggesellen-Quartier« ab. Ein Schild prahlt: »Perle der Antillen«.

Selbst das Reklameschild vor dem Motel posaunt das Motto der Militärbasis heraus: »Honour Bound to Defend Freedom«, der Ehre verpflichtet, um die Freiheit zu verteidigen. Doch Freiheit ist hier nur ein relativer Begriff. Leguane sind besonders frei. Sollte mein Begleitschutz aus Versehen einen von ihnen überfahren, so ist eine Strafe von 10.000 Dollar fällig, da die US-Umweltschutzgesetze auch in Guantánamo gelten. Sollte jemand hingegen das Bedürfnis verspüren, einen der 500 Gefangenen zu schlagen, die hier bereits seit vier Jahren ausharren, so ist das ein »leichter, nicht gesundheitsschädlicher Kontakt«, der keine weiteren Folgen hat. Vor zwei Jahren argumentierten wir vor dem Supreme Court, dass es ein großer Schritt für die Menschheit wäre, wenn die Richter unseren Klienten dieselben Rechte wie den Tieren zugestehen würden.

Früh am nächsten Morgen mache ich mich zu Fuß auf den Weg zum Fähranleger. Die meisten Anwälte beklagen sich darüber, auf der anderen Seite der Bucht untergebracht zu sein, doch ich genieße die morgendliche Überfahrt. Am Kai erwartet mich bereits der Begleitschutz und gibt unseren Zutritts-Code lautstark an einen unsichtbaren Bewacher weiter. Schneidig salutiert ein Soldat vor seinem Vorgesetzen: »Der Ehre verpflichtet, Sir!«, der Offizier erwidert: »Um die Freiheit zu verteidigen, Soldat!« Als ich dieses Schauspiel das erste Mal sah, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen, weil ich dachte, die machen Spaß. Doch weit gefehlt. Das ist ihre Pflicht. Das ist das Motto.

Die verschiedenen Abteilungen des Lagers haben Namen, die vor Ironie triefen. »Papa« ist das Lager, in dem Hungerstreikende zwangsernährt werden. Im Lager »Romeo« wurden Gefangene von den Militärs sexuell erniedrigt, indem man sie zwang, kurze Hosen zu tragen. Im Lager »Whiskey« werden vierzig muslimische Männer, die keinerlei Alkohol trinken, festgehalten. Es ist mir schleierhaft, ob diese Ironie, wie sie leider so häufig auf dieser Seite des Atlantiks anzutreffen ist, einfach nur ein besonders dummdreistes Versehen ist, oder ob sie mit voller Absicht angewendet wird.

Im Lager »Echo« finden die Treffen zwischen den Mandanten und ihren Anwälten statt. Noch bevor der Supreme Court im Juni 2004 anordnete, dass die Gefangenen einen Anspruch auf Rechtsbeistand haben, war dieses das härteste Lager, in dem die Gefangenen in vollkommener Isolation gehalten wurden. Jede Zelle ist hermetisch von den anderen abgeriegelt und in der Mitte unterteilt – der Gefangene lebt auf der einen Seite und wird nur zu Verhören, und in letzter Zeit auch zu Anwaltsgesprächen, in den anderen Teil verlegt. Wie jeden Morgen ertönt um Punkt acht über Lautsprecher eine Sirene, gefolgt von der Nationalhymne. Sämtliche Aktivitäten werden sofort eingestellt, die Soldaten stehen still und salutieren vor der nächsten Flagge, bis das Ganze vorbei ist.

Nachdem ich das Lager betreten habe, muss ich warten, bis die Gefangenen vorbereitet werden. Mit ein paar Wärtern sitze ich an einem »Picknicktisch« neben den Zellen. Ihr Leben ist monoton, und die meisten von ihnen sind recht freundlich. Einer erzählt mir, er habe mich vor kurzem auf CNN gesehen, wo ich gesagt hätte, dass die meisten Angehörigen des Militärs zwar anständige Leute seien, die aber zur Ausführung menschenverachtender Aufgaben gezwungen würden. Er grinst, als er mich fragt, ob ich ihn für einen von den anständigen oder einen von den Mistkerlen halte. Ein anderer Wärter nimmt seinen Hut ab und legt ihn auf den Tisch. Damit er ständig an seine Mission erinnert wird, hat er auf die Innenseite geschrieben: »al-Qaida are pussies«.

Viele der Wachleute kommen aus ruhigen amerikanischen Provinznestern und Guantánamo ist ihr erster Auslandseinsatz. Das macht sie zu leichten Opfern von militärischen Propagandatricks, und mögen sie auch noch so absurd sein. Einer meiner Mandanten ist gerade mal einen Meter fünfzig groß, sanftmütig und kultiviert. Vor einigen Monaten berichtete er mir über die Zeit, bevor Überwachungskameras installiert wurden und die Soldaten 24 Stunden vor seiner Zelle im Lager »Echo« saßen und ihn beobachteten. Einmal bemerkte er eine Wachfrau, die auf ihrem Stuhl zitterte. Er fragte, was denn los sei. Endlich überwand sie ihre Angst und wollte wissen, ob er tatsächlich ein Serienmörder sei – ihr wurde nämlich gesagt, er sei eine Art Hannibal Lecter und würde sie durch die Gitterstäbe beißen.

Die Gespräche mit meinen Mandanten sind ermüdend und zehren an den Kräften. Es ist nicht leicht, überhaupt ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Denn nachdem der Anspruch auf Rechtsbeistand errungen war, versuchte das Militär uns auszutricksen und schickte Verhörbeamte zu den Gefangenen, die vorgaben, Rechtsanwälte zu sein. Wenn alle Anwälte die US-amerikanische Staatsangehörigkeit besitzen müssen, wie sollen dann unsere Mandanten den Unterschied zwischen uns und den vorherigen Betrügern erkennen können?

Wir reden über Folterungen. Seit kurzem habe ich eine Checkliste mit den Misshandlungen der US-amerikanischen Streitkräfte und denen, die die noch schmutzigeren Geschäfte für sie erledigen. Ab und zu wird meine Perspektive für einen Moment wieder zurechtgerückt: Habe ich jemals gedacht, eine solche Checkliste sei notwendig, als ich 1984 Jura studierte? Habe ich geglaubt, dass ein amerikanisches Gericht ein Geständnis zulassen würde, dass mit einer Rasierklinge am Hals zustande gekommen ist? Die Soldaten scheinen die Realität in Guantánamo zu akzeptieren, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine Minderheit der von der Regierung gestellten Staatsanwälte ist entsetzt, doch die Mehrheit schwimmt einfach mit dem Strom.
Dabei gelten nicht nur Gesetze wenig in Guantánamo, auch die Wahrheit ist meist nicht viel wert. Das Militär leugnet, dass Minderjährige in dem Lager festgehalten werden, und behauptet zum Beispiel von einem meiner Mandanten, er sei 26 Jahre alt. Tatsächlich war er fast 15, als er festgenommen wurde, und ist immer noch ein Teenager. Um das zu beweisen, habe ich seine saudische Geburtsurkunde vorgelegt. Doch man glaubt mir einfach nicht. »Er sieht schon ziemlich jung aus«, bemerkt einer der Wärter.

Die Gefangenen leiden unter Depressionen. In den ersten sechs Monaten kam es zu 32 Selbstmordversuchen. Nicht gerade die beste PR für das Militär, es musste etwas geschehen. Sechs Monate später teilte man uns mit, dass die Selbstmordversuche auf null zurückgegangen seien. Was war geschehen? Ganz einfach. Versuchter Selbstmord wurde schlichtweg umbenannt in »selbstverletzendes Verhalten«, und tatsächlich hatten in dem genannten Zeitraum 42 Personen selbstverletzendes Verhalten gezeigt.

Ein weiteres Opfer, der Ägypter Sami al-Laithi, befand sich in Pakistan auf Geschäftsreise, als er von den amerikanischen Truppen festgenommen wurde. Aufgrund zweier Wirbelbrüche ist er für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt, nachdem er Kontakt mit der Emergency Reaction Force hatte.
Weil er sich zusätzlich immer wieder beschwerte, bekam er Einzelhaft in Lager V. Drei Jahre dauerte sein Martyrium, bis das Gericht herausfand, dass er »unschuldig« war – genau wie er immer behauptet hatte, war er niemals ein »feindlicher Kämpfer«. Was war also sein Vergehen? Nach dem Urteil kamen die Wärter in seine Zelle und boten ihm weiße Häftlingskleidung statt der orangefarbenen an. Sami reagierte wütend, und es dauerte weitere fünf Monate, bis er freigelassen wurde.

Es ist ein langer Tag. Bei einigen Gefangenen muss ich meine fragwürdigen Französischkenntnisse anwenden, bei anderen meine noch fragwürdigeren Italienischkenntnisse. Wir lachen viel, aber der Himmel allein weiß, was sie von dem verstehen, was ich ihnen über ihre Rechte erkläre.

Um fünf Uhr nachmittags muss ich gehen. Die Fahrt über die Bucht dauert keine zehn Minuten. Ich gehe noch in den Clipper Club, die vermutlich langweiligste Kneipe in der ganzen Karibik. Trotzdem bin ich froh über einen Drink.

Auf Arabisch bedeutet »al-Qaida« die »Basis«. Hier steht Guantánamo für »die Marinebasis«, und einer der vom Militär gestellten Verteidiger hat seine eigene Version für ihr Motto gefunden. Wenn einer der Soldaten vor ihm salutiert und sein »Der Ehre verpflichtet, Sir!« brüllt, antwortet er sardonisch: »Um die US-Verfassung zu verteidigen!«. Das Motto von Guantánamo muss sich ändern. - Übersetzung: Frank Thomas

Clive Stafford Smith ist Direktor von »Reprieve«, einer britischen gemeinnützigen Organisation, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzt. Als Rechtsanwalt vertritt er 40 Gefangene, die in Guantánamo einsitzen. Weitere Informationen unter www.reprieve.org.uk. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von »New Statesman« (http://www.newstatesman.com)

Neue Namen für alte Methoden.
»Stress- und Zwangstechniken« lauten die neue Bezeichnungen für die von der US-Regierung genehmigten Verfahren, die psychische und physische Schäden hervorrufen. »Manipulation des Befragungsumfelds«: Die Gefangenen werden extremer Hitze oder Kälte, andauerndem weißen Licht oder Lärm ausgesetzt. Zu den Folgen zählen unter anderem Angstzustände, Halluzinationen, Suizidneigung. »Anpassung der Schlafgewohnheiten«: wiederholtes Wecken des Gefangenen. Führt unter anderem zum Verlust der Entscheidungsfähigkeit, Sprachstörungen, Bluthochdruck und anderen Herzkreislauferkrankungen. »Stresspositionen«: eine unbequeme Position, die bei längerer Dauer schmerzhaft wird, aber keine Narben hinterlässt. »Waterboarding«: Der Gefangene wird so lange unter Wasser gehalten wird, bis er zu ertrinken glaubt.

amnesty international

Zurück Druckversion

amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V., 53108 Bonn
Telefon: 0228/983 73-0 - Telefax: 0228/63 00 36
Spendenkonto: 80 90 100 - Bank für Sozialwirtschaft - BLZ 370 205 00

E-mail:ai-journal@amnesty.de