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Bangladesch: Frauen von Säure gezeichnet

Nasima aus Brahmanbaria war erst 11 Jahre alt, als ein Onkel ihr Säure ins Gesicht schüttete. Der damals schon 27-jährige hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. Nasima und ihre Eltern hatten abgelehnt. Sie fühlte sich noch viel zu jung. Der Täter kam am 3. September mitten in der Nacht mit einem Freund, als sie in ihrem Zimmer schlief. Das Mädchen wusste nicht, was da in ihrem Gesicht brannte. Sie hatte vorher noch nie etwas von Säure und Säureanschlägen gehört.


Bei der Flüssigkeit handelt es sich meist um konzentrierte Schwefelsäure, wie sie in Autobatterien verwendet wird und spottbillig an jeder Straßenecke zu kaufen ist. Die Säure verätzt die Haut an den Stellen, an denen sie auftrifft, meist bis auf die Knochen. Gelangt nur ein kleiner Tropfen in die Augen, führt dies zur Erblindung.

Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Zahl der Säureattentate so hoch wie in Bangladesch. Die Säure zerstört nicht nur das Gesicht, die Genitalien oder andere Körperteile, sondern die Zukunft der Überlebenden. Die Chance einer Frau zu heiraten, eine Familie zu gründen und ein normales Leben zu führen, geht nach einem solchen Verbrechen gegen Null. Die Säure stigmatisiert sie lebenslänglich. Teilweise werden die Betroffenen sogar von ihrer Familie und der Öffentlichkeit mitverantwortlich gemacht. Sie hätten, so wird ihnen unterstellt, das Verbrechen etwa durch „aufreizendes Verhalten“ selbst herausgefordert.


Betroffen sind meist Mädchen und Frauen, die sich sexueller Avancen oder Heiratsangeboten verweigern. Ungefähr jeder zweite Säureanschlag ist in Bangladesch auf eines dieser beiden „Motive“ zurückzuführen. Gefährdet sind außerdem Ehefrauen, deren Eltern neuen Mitgift-Forderungen des Ehemanns nicht nachkommen können oder wollen.


Monira Rahman (Mitte)
mit zwei Säureopfern.
© ai

Monira Rahman, Leiterin der Menschenrechtsorganisation „Acid Survivors Foundation“, die Opfer von Säureattentaten betreut und sich für die Ächtung dieser Verbrechen einsetzt, hat den 04. Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von amnesty international erhalten.


Drei von vier Anschlagsopfern sind Frauen, ihr Durchschnittsalter liegt bei 21 Jahren. Der erste Fall eines Säureanschlags ist in Bangladesch 1967 bekannt geworden. Seit Mitte der 1990er Jahre steigt die Zahl rapide an. Nach Angaben der „Acid Survivors Foundation“ (ASF) erhöhte sich die Zahl der Säure-Straftaten von 222 im Jahr 2000 auf 322 in 2004. Damit kommt es in Bangladesch fast täglich zu einem solch schrecklichen Verbrechen.

Inzwischen müssen Säureattentäter im Falle einer Anklage mit einer langjährigen Haft- oder sogar der Todesstrafe rechnen. Die Anwendung der Todesstrafe wird grundsätzlich von amnesty abgelehnt. Angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in Bangladesch verstärkt sie den Druck auf die Opfer, einer außergerichtlichen „Einigung“ zuzustimmen. Tatsächlich wird nur eine Minderheit der Täter vor Gericht gestellt: die ASF schätzt, dass nicht mehr als einer von zehn Säurewerfern vor Gericht kommt. Die weitgehende Straflosigkeit trägt jedoch dazu bei, dass Frauen nach wie vor Gewalt angetan wird.

Indessen hat Nasima Aufnahme bei der ASF gefunden. Nach Abschluss der medizinischen Behandlung lebt sie bei ihrem Cousin, der sie trotz Einspruch seiner Eltern geheiratet hat. Sie kommt regelmäßig zur ASF. Die Gespräche mit den Ärzten und Psychologen sowie den anderen Überlebenden von Säureopfern geben ihr Kraft.

Weitere Informationen
Interview mit Monira Rahman von der ASF (ai journal 3/2006)
ai-Kampagne "Hinsehen und Handeln - Gewalt gegen Frauen verhindern"



Werden Sie aktiv!

Wenden Sie sich an die Regierung von Bangladesch und fordern Sie sie auf, entschieden gegen Säureattentate vorzugehen und die Verantwortlichen zu bestrafen. Gern können Sie sich an unserem Musterbrief orientieren.

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende.


Sehr geehrte Frau Premierministerin,

in Bangladesch werden jährlich immer noch 300 Mädchen und Frauen Opfer von Säureattentaten. Trotz der Einführung des „Acid Crime Prevention Act“ in 2002 wird bis heute nur einer von zehn Tätern strafrechtlich verfolgt. Die weitgehende Straflosigkeit der Täter trägt dazu bei, dass den
Frauen in Bangladesch weiterhin Gewalt angetan wird. Deshalb fordere ich Sie auf:

• Überlebende von Säureattentaten, die Anklage gegen die Täter erheben und deshalb von diesen oder ihren Familien bedroht werden, wirksam zu beschützen.
• Überlebende von Säureattentaten bei der (Wieder-) Eingliederung ins gesellschaftliche und ins Berufsleben zu unterstützen.
• Maßnahmen gegen die Korruption in den Reihen von Polizei und Justiz zu ergreifen. Sie verhindert immer wieder, dass es zu Verfahren gegen Säureattentäter kommt.
• das Gesetz gegen Säureattentate so zu ändern, dass die Täter nicht mehr zur Todesstrafe verurteilt werden können. Tötungen, auch durch den Staat, sind inhuman. Darüber hinaus verstärkt die Todesstrafe den Druck auf die Säureopfer, das Verbrechen nicht vor Gericht zu bringen. Viele Täter sind nämlich Mitglieder der eigenen Familie oder stammen aus der Nachbarschaft.

Mit freundlichen Grüßen


Adresse

Prime Minister Begum Khaleda Zia
Office of the Prime Minister
Gona Bhaban
Tejgaon
Dhaka
Bangladesch



letzte Aktualisierung: 8. März 2006

amnesty international

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