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amnesty journal Januar 2008

Hermann Schulz: Der silberne Jaguar. Carlsen Verlag, Hamburg 2007, 180 S., 14,90 Euro

Eine Liebe in Svetlagorsk In seinem Jugendroman »Der silberne Jaguar« erzählt Hermann Schulz von Jugendlichen in Weißrussland. Von Wera Reusch

Rufus lebt im Wendland bei seiner Tante Josephine. Er besucht die elfte Klasse und jobbt nachmittags an einer Tankstelle – kein besonders aufregendes Leben. Als die Tante ihm vorschlägt, in den Pfingstferien gemeinsam mit ihr zu verreisen, freut sich Rufus, nur das Ziel der Reise überzeugt ihn nicht: »Warum eigentlich Weißrussland? Ist ja als Ferienziel nicht gerade in aller Munde.« Doch Tante Josephine hat ihre Gründe. Sie unterstützt in Weißrussland Menschen, die unter den Auswirkungen des Reaktorunglücks von Tschernobyl leiden, und bittet Rufus deshalb, einen alten Rollstuhl zu reparieren und nach Svetlagorsk zu bringen: »Er wird dort gebraucht, und nicht auf Mallorca!«

Kaum ist Rufus in der weißrussischen Stadt angekommen, hat er ein Problem: Denn der aufwändig renovierte Rollstuhl wird gestohlen, noch bevor er seine Adressatin erreicht. Rufus lernt jedoch eine Gruppe von Jugendlichen kennen, die ihm bei der Suche nach dem »silbernen Jaguar« helfen will. Dabei zeigt eine Studentin namens Jana nicht nur großes Interesse an dem verschwundenen Rollstuhl, sondern auch an Rufus. Durch seine Freundschaft mit Jana begreift Rufus allmählich, wie schwierig es für die Jugendlichen in Svetlagorsk ist, sich unter den herrschenden politischen Bedingungen kleine Freiheiten zu erobern. Ein wichtiges Vorbild ist für sie Janas verstorbener Freund Leonid: Er, der selbst im Rollstuhl saß, hatte seine Freunde immer wieder ermuntert: »Wir müssen die Einsamkeit und die Traurigkeit besiegen. Wir müssen unserer Sehnsucht Platz schaffen. Und die Angst verlieren.« Leonid wurde jedoch »von der schwarzen Frau geküsst« – so sagt man in Svetlagorsk, wenn jemand an den Langzeitfolgen des Reaktorunfalls in der nahe gelegenen Ukraine stirbt.

Hermann Schulz, Wuppertaler Schriftsteller und langjähriger Leiter des Peter-Hammer-Verlags, hat bereits zahlreiche hoch gelobte Jugendbücher geschrieben, die zumeist in Afrika spielen. Dass er sein jüngstes Buch in Weißrussland ansiedelt, hat biographische Gründe: Denn genau wie Rufus wollte auch Hermann Schulz dort einen Rollstuhl abliefern, der ihm jedoch gestohlen wurde. Anschaulich schildert Schulz die Situation im Land, die von Armut, Korruption und staatlicher Überwachung geprägt ist. Und doch ist »Der silberne Jaguar« keine trostlose Geschichte, denn es gibt in Svetlagorsk trotz allem eine »zurückhaltende Fröhlichkeit«, wie Rufus an einer Stelle bemerkt. Es gibt die Jugendlichen, die keine Angst haben, die das Leben genießen wollen, ohne auszuwandern. Veränderungen werden nur eintreten, »wenn nicht alle, die was auf dem Kasten haben, weglaufen«, erklärt Jana einmal.

Schulz hat in seinem Jugendroman eine Krimihandlung mit einer Liebesgeschichte verbunden. Er beschreibt einfühlsam das Leben von Jugendlichen in Weißrussland und streift politische Fragestellungen, ohne dabei plakativ zu sein. Vor allem aber macht Schulz mit seinem neuen Buch einmal mehr deutlich, wie Begegnungen mit Menschen in anderen Ländern unseren Blick auf die Welt verändern. Rufus wird durch seine Reise nach Weißrussland in gewisser Weise erwachsen. Ob es ihm letztendlich gelingt, den »silbernen Jaguar« bestimmungsgemäß abzuliefern, soll hier nicht verraten werden.

amnesty international

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