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amnesty journal Januar 2006

PORTRÄT

Peinliche Befragung

Der kanadische Geschäftsmann Abdullah Almalki wurde wegen Terrorverdachts in Syrien inhaftiert und gefoltert - im Auftrag seines Heimatlandes. Von Ferdinand Muggenthaler

Abdullah Almalki ist ein zurückhaltender, freundlicher Mann. Er spricht ein klares, kanadisches Englisch. Sachlich und konzentriert berichtet er im Interview mit ai über seine Erlebnisse. Noch vor einem Jahr konnte er nicht einmal seinen Angehörigen erzählen, was ihm passiert war: »Ich regte mich über jede Kleinigkeit auf. Ich vertraute niemandem. Mein Gedächtnis arbeitete extrem schlecht. Ich konnte mich nicht konzentrieren.«
Als Sechzehnjähriger kommt Abdullah Almalki mit seinen Eltern nach Kanada. Er beendet hier die Schule, studiert Elektrotechnik. An der Uni lernt er Khuziamah, seine spätere Frau, kennen. Sie stammt aus Malaysia. Zusammen bauen sie 1994 eine Firma auf, die zunächst vor allem Elektronikteile aus Kanada nach Pakistan exportiert. Die Firma expandiert. Almalki reist viel, er hat Geschäftskontakte in die USA, nach Saudi Arabien, Singapur und Europa. Das Paar bekommt vier Kinder. Das jüngste kommt im März 2002 zur Welt. Die Erfolgsgeschichte einer Einwandererfamilie. Bis der 31-Jährige nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ins Fadenkreuz des kanadischen Geheimdienstes gerät.

Im Frühjahr 2002 entschließt sich Almalki zum ersten Mal wieder in das Land seiner Geburt zu reisen. Seine Großmutter ist schwer krank. Er fliegt nach Damaskus. Dort wird er noch am Flughafen verhaftet. »Ich war überhaupt nicht beunruhigt. Ich dachte, es muss sich um ein Missverständnis handeln.« Und er glaubt, sein kanadischer Pass würde ihn schützen. Auch als er vom Flughafen zum Verhör gefahren wird und man ihm die Augen verbindet, ist er noch überzeugt, dieses Missverständnis bald aufklären zu können.

»Es änderte sich alles mit dem ersten Schlag ins Gesicht«, sagt Almalki und fasst sich an die Wange, als fühlte er die Ohrfeige noch immer. »Nicht die körperliche Wirkung war der Punkt, sondern die psychische. Dieser Schlag versetzte mich in eine andere Welt.« Seine Welt ist für die nächsten 482 Tage das Far Filastin, ein Gefängnis des syrischen Geheimdienstes. Seine Zelle ist 85 Zentimeter breit und weniger als 1,85 Meter lang. Sie liegt im Keller. Durch ein kleines Loch in der Decke dringt spärlich Licht. Im Sommer ist es heiß in der Zelle, im Winter ist es so kalt, dass die Kakerlaken an den Wänden erfrieren.

Allein die Unterbringung in diesem Loch ist eine Qual. Doch immer wieder wird Almalki zu Verhören geführt, »zu den Folterparties, wie sie manchmal sagten«. Er lernt das Repertoire an Quälereien des syrischen Geheimdienstes kennen. Er muss sich auf den Bauch legen, die Füße nach oben. Mit dicken Elektrokabeln schlagen sie auf seine Fußsohlen ein. Er wird in einen Reifen gepresst und geschlagen, bis er halb bewusstlos ist. Ein anderes Mal wird er an den Handgelenken an einem Fensterrahmen aufgehängt.
Almalki erzählt äußerlich ruhig von den Foltermethoden. Nur manchmal muss er tief durchatmen. »In meiner Zelle konnte ich die Schreie der Mitgefangenen hören. Irgendwann konnte ich an der Art der Schreie erkennen, ob sie in dem Reifen waren, mit dem Stuhl gefoltert wurden oder mit Elektroschocks. Psychologisch war das schlimmer, als wenn ich selbst gefoltert wurde.«

Nach seiner Rückkehr nach Kanada muss sich Abdullah Almalki behandeln lassen. Die Ärzte diagnostizieren Posttraumatisches Stresssymptom und schwere Depression.

Erst ein Jahr nach seiner Freilassung, im August 2005, gibt er der kanadischen Zeitung »Globe and Mail« das erste Interview. Es folgen weitere. Doch die Anstrengung, die es ihn kostet, alles wieder und wieder hervorzuholen, ist immer noch spürbar. Ein Erlebnis verfolgt ihn besonders: »Ich erinnere mich, dass ich einmal von der Toilette zurück in das Verhörzimmer ging. Da sah ich zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen.« Zum ersten Mal macht Almalki eine lange Pause, setzt neu an, bringt seine Sätze nicht zu Ende. »Sie war fünf oder sechs, er sieben oder acht. Sie erinnerten mich sofort an meine Kinder. Allein diese Kinder zu sehen. An diesem Ort. Es ist ... es ist einfach unmöglich, das zu vergessen.«

Nach zwei Monaten gelingt es einem Verwandten, Almalki zu besuchen. Jetzt weiß er, seine Familie setzt sich für ihn ein. Dieses Wissen hilft ihm und den Mitgefangenen durchzuhalten. Über Zurufe versuchen sie, sich gegenseitig Mut zu machen.

Unter der Folter wird Almalki nach Einzelheiten über sein Leben in Kanada und sein Unternehmen befragt, er soll über Bekannte aus Kanada aussagen. Ein Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes, der Almalki über drei Monate verhört und foltern lässt, sagt einmal zu ihm: »Ich kenne dich jetzt besser als dich deine Mutter kennt. Ich weiß, dass du nichts angestellt hast. Aber die Informationen, die wir aus Kanada bekommen, sagen etwas anderes.«

Der Verdacht, dass die Syrer Fragen im Auftrag kanadischer Ermittler stellen, wird zur Gewissheit. »Bei einem Verhör verließ der Befrager den Raum für einige Minuten. Als er zurückkam, legte er einen Bericht auf den Tisch. Ich konnte den Titel lesen. ›Treffen mit der kanadischen Delegation am 24. November 2002‹.«
Welche Rolle kanadische Behörden bei der Gefangenschaft Almalkis genau spielten, ist bisher nicht geklärt. Aus den Unterlagen eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses geht hervor, dass kanadische Polizisten und Geheimdienstler in Kontakt mit den syrischen Behörden standen. Offenbar hat Almalkis Bekanntschaft mit anderen Terrorverdächtigen den Verdacht des kanadischen Geheimdienstes erregt. Wahrscheinlich auch seine Geschäftskontakte nach Pakistan. Von Indizien, die eine direkte Verbindung zu al-Qaida oder eine Verwicklung in Terroranschläge nahe legen, ist bis heute nichts bekannt.

Abdullah Almalki fühlt sich verraten von dem Land, in dem er studiert hat, in dem seine Kinder aufgewachsen sind, von dem Land, das er als seine Heimat betrachtet: »Vergibt die kanadische Regierung Folteraufträge an andere Länder? Ich möchte, dass die Leute, die mir das angetan haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Ich möchte, dass niemand das erleiden muss, was ich durchmachen musste.«

Am 25. Juli 2004 wird Abdullah Almalki von einem syrischen Gericht freigesprochen. Ein Brief der kanadischen Polizei bestätigt, dass er in Kanada keine Vorstrafen hat und kein Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Am 2. August kommen er und seine Familie wieder in Kanada an.


Eine Untersuchung der Verwicklung kanadischer Sicherheitsbehörden in die Folter von vier ihrer Staatsbürger in Syrien forderte der UNO-Menschenrechtsausschuss Anfang November 2005: Abdullah Almalki, Ahmad El Maati, Muayyed Nureddin und Maher Arar. Die für Terrorbekämpfung zuständige Ministerin wies die Forderung zurück. Lediglich der Fall Arar ist Gegenstand eines Untersuchungsausschusses. Foto: ai

amnesty international

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