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amnesty journal September 2004

BRASILIEN

Brasilianisches Roulette

In kaum einem anderen Land der Welt sterben so viele Einwohner durch Schusswaffen wie in Brasilien. Jetzt versucht die Regierung, die privaten Revolver und Gewehre einzusammeln.

Was soll ich noch mit den Schießeisen – in meinem Alter“, sagt die 89-jährige Zulmira de Oliveira und legt gleich drei silbrige Revolver auf den Tisch ihrer Luxuswohnung in Rios noblem Strandviertel Leblon. Die beiden Inspektoren der Zivilpolizei, Luis Quaresma und Andrè Camelo, schauen verdutzt – ein toller Fang! Für jeden Revolver bekommt Zulmira de Oliveira von der Regierung eine Prämie von umgerechnet achtundzwanzig Euro. In ganz Brasilien ist die Polizei derzeit überlastet: Die bis Dezember geplante Entwaffnungskampagne läuft unerwartet gut an. Selbst in Kirchen werden Sammelstellen eingerichtet.
Die Inspektoren besuchen deshalb von morgens bis abends Leute, die meist jedoch nur alte Revolver und Karabiner loswerden wollen. Ob eingeschmuggelt oder illegal erworben – Straffreiheit ist garantiert. „Die Kampagne war längst überfällig“, so der dreißigjährige Camelo, „wegen der ausufernden Gewalt gab es in den letzten Jahren eine Welle der Selbstbewaffnung – jeder wollte unbedingt eine Knarre zuhause haben“.
In Lateinamerikas größter Demokratie, so betont auch die Kirche, herrscht ein unerklärter Bürgerkrieg. Jährlich werden landesweit über 45000 Menschen getötet. Exakt 2276517 Kleinwaffen sind in Brasilien registriert.
Alle Waffenscheininhaber verloren jetzt per Gesetz ihre Lizenz – eine neue bekommt man nur schwer.

Tatsächlich sind über zwanzig Millionen Waffen aller Kaliber selbst laut amtlichen Schätzungen in Privat- bzw. Banditenhand. Es ist ein mulmiges Gefühl mit Quaresma und Camelo durch Rio de Janeiro zu fahren, weil bewaffnete Milizen des organisierten Verbrechens den Wagen attackieren könnten.

„Ich wohne im Viertel Vila Isabel, von Slums umgeben“, sagt Inspektor Quaresma, „dort muss ich höllisch aufpassen, gehe nachts kaum aus dem Haus. Denn wenn mich Banditen überfallen, um mein Auto zu rauben, und dabei feststellen, dass ich Polizist bin, erschießen die mich sofort.“ Laut Statistik wird in Brasilien durchschnittlich alle siebzehn Stunden ein Polizist ermordet. Das Risiko, wegen eines Polizistenmordes geschnappt zu werden, ist sehr gering – letztes Jahr wurden nicht einmal fünf Prozent aller Tötungsdelikte aufgeklärt. Nach UNO-Angaben liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Killer verurteilt wird und seine Strafe bis zum Ende absitzt, bei nur einem Prozent. Straflosigkeit ist gewaltfördernd – ebenso wie die Rekordarbeitslosigkeit der letzten Jahre, eine Folge neoliberaler Politik in einem Land schärfster Sozialkontraste.

Quaresmas Viertel Vila Isabel liegt in der ärmlichen Nordzone – doch wir fahren in die Südzone, ins schicke Strandviertel Barra da Tijuca, das Miami der Mittel- und Oberschicht Brasiliens. Alle, die dort ihre Waffen loswerden wollen, leben in „Condominios fechados“ – das sind Ghettos der Wohlhabenden, von hohen Mauern umgeben, mit bewaffneten Wächtern, Kameras und Stacheldraht.

„Hier braucht wirklich keiner ein Schießeisen“, meint Inspektor Quaresma ironisch. Philippe Mansur, bereits als Kind aus Ägypten mit den Eltern nach Brasilien eingewandert, übergibt einen Revolver, sieht die Regierungskampagne jedoch skeptisch: „Ich bezweifle, dass sie ihr Ziel erreicht. Normale Leute wie ich liefern ihre Waffen ab, aber die Banditen behalten sie – die muss man entwaffnen! Über zwanzig Millionen Waffen sind im Umlauf – doch die Regierung sagt, sie wäre schon glücklich, wenn zweihunderttausend Schießeisen abgegeben würden. Und der große Rest? Was passiert mit dem?“

An der Avenida das Americas werden im Morgengrauen neben einem Showpalast drei Jugendliche erschossen, gegen Mittag tötet eine verirrte Kugel den 67-jährigen Josias Tavares, als er in einem angrenzenden Park mit seinen drei Enkeln spielt. Tags zuvor hatten Jugendliche Rios „Russisch Roulette“ gespielt – ein Fünfzehnjähriger starb.

Eine große Slumregion der Nordzone Rios heißt „Faixa da Gaza“ im Volksmund, Gazastreifen. Täglich gibt es Schießereien, Feuergefechte zwischen rivalisierenden Banditenmilizen, oder zwischen Gangsterkommandos und der Polizei. Doch dorthin fahren wir nicht. Inspektor Camelo lacht bitter: „Niemand aus den Elendsvierteln gibt eine Waffe ab. Rios Slumbewohner glauben nicht, dass wegen der Regierungskampagne die Verbrechensrate sinkt.“

Jacarezinho ist ein Slum mit rund hunderttausend Bewohnern mitten in der Faixa da Gaza. Omar Akbar, Direktor der renommierten deutschen Stiftung Bauhaus in Dessau, weiht dort an einem Juliabend das vierstöckige Medien- und Informationszentrum „Nucleus“ ein – kurz zuvor wird unweit davon der fünfjährige Eduardo dos Santos durch eine verirrte Kugel getötet, sein Großvater überlebt die Schusswunden. Direkt vor dem Nucleus stehen Jugendliche, die Maschinenpistole lässig umgehängt, und verkaufen harte Drogen. Sie sind Herren über Leben und Tod, halten ein Schreckensregime aufrecht, verhängen sogar Ausgangssperren – Staat und Eliten schauen zu: Eine junge Frau aus Jacarezinho wird verdächtigt, der Polizei Informationen zu liefern – man hackt sie in Stücke. Erschreckend für Besucher aus Europa – völlig normal für die Kinder und Erwachsene in Jacarezinho.

Brasiliens Todesschwadronen feuern auch mit Heeres-Maschinengewehren US-amerikanischer, schweizerischer und deutscher Marken. Für Deutschland, so das Auswärtige Amt in Berlin, seien heute besonders die früher an Drittweltstaaten erteilten Produktionslizenzen ein Problem. Es sei unmöglich, den Handel mit diesen außerhalb Deutschlands hergestellten Waffen zu kontrollieren, die dann in Konflikten als vermeintlich deutsche Waffen auftauchen könnten. „O Iraque é aqui“, der Irak ist hier, singt Brasiliens politischer Sambastar Jorge Aragao auf seiner neuesten CD, „das Volk hat Angst, das Ghetto brennt...“.

Klaus Hart
Der Autor ist Journalist und lebt in Sao Paulo.

GLOBALES NETZWERK

Das Internationale Aktionsnetzwerk gegen Kleinwaffen IANSA (International Action Network on Small Arms) wurde 1998 gegründet. Es ist ein globales Netzwerk von zivilgesellschaftlichen Organisationen in rund hundert Ländern, die die Ausbreitung und den Missbrauch von Kleinwaffen stoppen wollen. Ein kleines internationales Sekretariat in London koordiniert die über 500 Mitgliedsorganisationen, die in fünf regionalen Netzwerken organisiert sind. Es informiert zudem über Forschungsergebnisse, Aktionen und Kampagnen zum Thema Kleinwaffen. Mit ai und Oxfam ist IANSA auf internationaler Ebene federführend bei der Kampagne.

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