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amnesty journal Juni 2004
KOSOVO
In schlechter Gesellschaft
Die Verwicklung eigener Mitarbeiter in den florierenden Frauenhandel im Kosovo bringt die UNO-Übergangsverwaltung UNMIK in Bedrängnis.
Izabella Karlowicz bekam einen gehörigen Schreck. Seit einigen Wochen schon bemühte sich die Pressesprecherin der Übergangsadministration der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) privat darum, den Töchtern einer allein erziehenden Kosovo-Albanerin Ausbildungsplätze in der Provinzhauptstadt Pristina zu beschaffen. Kurz zuvor hatte das ältere der beiden Mädchen eine Stelle bei einem Frisör wieder aufgegeben, der bereit war, die 14-Jährige in seinem kleinen Laden auszubilden. Der Grund: Sie wollte lieber Tänzerin werden.
„Als sie mir ein paar Tage später am Telefon erzählte, dass ein Mann ihr angeboten habe, sie nach Pec in die Tanzschule zu fahren, läuteten bei mir alle Alarmglocken“, erzählt Karlowicz und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Wer denkt da nicht an Frauenhandel?“
Durch die Aufmerksamkeit der Pressesprecherin konnte die mögliche Verschleppung des 14jährigen Mädchens in die erzwungene Prostitution verhindert werden: Sie und ihr Fahrer würden sofort von internationaler Polizei gestoppt und verhaftet werden, drohte Karlowicz am Telefon, sollten sich die beiden auf den Weg in den Westen des seit Kriegsende 1999 von den Vereinten Nationen verwalteten Protektorats machen.
Der Regelfall ist eine solche Rettung in letzter Sekunde nicht. Im Gegenteil: Schätzungen lokaler Menschenrechtsorganisationen zufolge liegt die Zahl der in Nachtclubs, Tanzhallen, Restaurants, Motels und Hotels zur Prostitution gezwungenen Mädchen und Frauen im Kosovo bei über 2000. Tendenz steigend: Während Ende 1999 erst 18 Lokale bekannt waren, tauchen auf der so genannten „Off-limits-list“ der UNO-Übergangsverwaltung heute mehr als 200 Etablissements auf, die UNMIK-Mitarbeiter wegen Verwicklung der Betreiber in Frauenhandel nicht besuchen dürfen.
Einheimische berichten, dass es inzwischen selbst in den kleinsten Orten Nachtklubs oder private Zimmer gibt, in denen Prostituierte von ihren Käufern gefangen gehalten werden. Da das Kosovo an der Schnittstelle der wichtigsten Handelsrouten der Organisierten Kriminalität Richtung Albanien und Italien liegt, besteht immer die Möglichkeit, dass die Mädchen und Frauen weiter nach Westeuropa verschifft werden. Für viele der manchmal erst 13-Jährigen bildete das Versprechen, in der EU einen Job zu bekommen – sei es als Kellnerin, Au-Pair-Mädchen oder Köchin – den ersten Schritt auf dem Weg in die sexuelle Ausbeutung. Denn die meisten der von den Menschenhändlern über Serbien ins Kosovo Geschmuggelten kommen aus ärmsten Verhältnissen in Moldawien, der Ukraine, Rumänien oder Bulgarien. Der Schritt, sich in die Hände der vermeintlich vertrauensvollen Arbeitsvermittler zu begeben, gilt als letzter Ausweg aus einer sozial verzweifelten Lage – und erfolgt fast immer freiwillig.
Seitdem das Kosovo zu einem Zentrum der Sex-Industrie in Südosteuropa geworden ist, endet die Reise jedoch selten im reichen Westen, sondern häufig im Armenhaus des Balkan. Auch die Anzahl intern verschleppter Mädchen und Frauen ist mit dem Einzug der UNMIK-Angestellten und Tausender Soldaten der NATO-geführten Kosovo-Schutztruppe KFOR im Sommer 1999 stetig gestiegen.
Oft ist ihnen jede Möglichkeit genommen, ihren Wohn- und Arbeitsplatz zu verlassen. Ungeheizte Zimmer, mangelhafte hygienische Bedingungen, fehlende Kleidung und Unterernährung sind an der Tagesordnung. Von der International Organisation for Migration (IOM) repatriierte Opfer berichten von menschenunwürdigen Aufenthaltsbedingungen: „Wir wurden gefüttert wie Tiere“, berichtet eine 17-Jährige. „Am Morgen bekamen wir nur die Essensreste vom Vortag vorgesetzt. Danach mussten wir uns bis spät in die Nacht um die Kunden kümmern.“
Das persönliche Engagement der UNMIK-Pressesprecherin Karlowicz kann kaum darüber hinweg täuschen, dass die Angestellten der Weltorganisation in der Krisenprovinz nicht unbedingt zur Lösung beitragen, sondern Teil des Problems sind. So heißt es in einem Anfang Mai von amnesty international in der Provinzhauptstadt vorgestellten Bericht: „Alle zugänglichen Daten weisen darauf hin, dass das Kosovo ohne die Präsenz der internationalen Gemeinschaft und den Einfluss gut ausgestatteter westlicher Konsumenten einen eher geringen Stellenwert in der Balkan-Frauenhandelsindustrie behalten hätte.“
Mit der Stationierung von zunächst mehr als 45.000 KFOR-Soldaten und den aus aller Herren Länder angereisten UNO-Bediensteten im Juni vor fünf Jahren nahm die Zahl der Bordelle, Nachtclubs und Tanzhallen in dem völkerrechtlich weiterhin zu Serbien-Montenegro gehörenden Protektorat explosionsartig zu. Die IOM bezeichnete KFOR und UNMIK schon nach einem halben Jahr Protektoratsherrschaft als „kausalen Faktor“ für das lukrative Geschäft mit dem Sex. Da die Angestellten der internationalen Organisationen Immunität genießen, ist ein rechtliches Vorgehen selbst bei nachgewiesener Beteiligung an Frauenhandel schwierig. amnesty international fordert deshalb eine stärkere Rechenschaftspflicht des internationalen Personals. Rechtsprechung und Polizeigewalt fallen unter die Verantwortung der derzeit vom früheren finnischen Premierminister Harri Holkeri geleiteten UNO-Übergangsadministration.
Fälle, in denen die ausländischen Angestellten die juristischen Schutzmaßnahmen, die ihnen ihr internationales Mandat beschert, ausnutzen, gibt es viele. Beispiel Orahovac, 2001: Hier meldete eine Frau der UNMIK-Polizei, dass sie von einem Kosovo-Albaner vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen worden sei. Zugleich gab sie an, dass auch UNMIK-Polizisten zu ihren Kunden zählten. Doch als die örtliche Filiale der internationalen Polizei den Fall übernahm, sah die eigens für solche Angelegenheiten eingerichtete UNMIK-Spezialeinheit für Frauenhandel und Prostitution (TPIU) keinen Grund zu intervenieren. Das Ergebnis fiel angesichts der augenzwinkernden Kumpanei der Angestellten der Weltorganisation mit den Tätern wenig überraschend aus: Der Frau wurde die Glaubwürdigkeit abgesprochen, die Anklage fallen gelassen.
Dem ai-Bericht zufolge sind seit der Installierung des internationalen Protektorats vor fünf Jahren lediglich vier UNMIK-Angestellte wegen mutmaßlicher Beteiligung an kriminellen Aktivitäten in ihre Herkunftsländer zurück geschickt worden. Ein Verfahren gegen einen pakistanischen Polizisten wegen Beihilfe zu „Prostitution und Sklaverei“ war bis Ende April noch nicht abgeschlossen.
Noch stärker involviert in Geschäfte mit zur Prostitution gezwungenen Frauen sind Kfor-Soldaten. So mussten mindestens neun Angehörige der internationalen Schutztruppe das Kosovo in den vergangenen fünf Jahren verlassen.
Der ARD-Weltspiegel berichtete im Dezember 2000, dass Bundeswehrsoldaten Sex mit gehandelten Frauen sowohl im Kosovo als auch im angrenzenden Mazedonien hatten, wo die KFOR ebenfalls über Kasernen verfügt. Trotz wachsender Aufmerksamkeit in den Führungsetagen der Militärs wird es vor Ort weiterhin eher als Kavaliersdelikt behandelt.
Das Fazit, das amnesty international nach fast fünf Jahren internationaler Verwaltung zieht, ist ernüchternd: „Selbst Frauen, die als Opfer von Frauenhandel erkannt wurden, ist der Zugang zu Reparationszahlungen und Entschädigung für die Misshandlungen, die sie erlitten haben, verweigert worden“, heißt es in dem Bericht. So wurde auch Zeuginnen, die vor Gericht gegen Menschenhändler aussagen wollten, kein ausreichender Schutz gewährleistet.
Nach den antiserbischen Ausschreitungen Mitte März, bei denen mehr als 60 der spöttisch als „Coca Cola-Dosen“ bezeichneten weißen UNMIK-Jeeps mit den roten Streifen in Flammen aufgingen, kommen die Vereinten Nationen nun auch auf menschenrechtlichem Gebiet in die Kritik. So soll im Juni ein Enthüllungsreport der UNO-Mitarbeiter Kenneth Cain, Heidi Postlewait und Andrew Thomson erscheinen. Titel: „Emergency Sex and Other Desperate Measures, a True Story from Hell on Earth”. In ihrem Buch berichten die Autoren von ausschweifenden Sex-Parties mit zur Prostitution gezwungenen Frauen und Mädchen, Korruption sowie Drogenmissbrauch auf Missionen in Haiti, Liberia, Somalia – und im Kosovo. Um das Image der ohnehin angeschlagenen Weltorganisation nicht weiter zu demolieren, erwägt Generalsekretär Kofi Annan Presseberichten zufolge rechtliche Maßnahmen gegen die Veröffentlichung.
UNMIK-Kommunikationsdirektorin Hua Jing hält das nicht für nötig. Von Vorkommnissen wie angeblich in dem Buch beschrieben habe sie im Kosovo noch nicht gehört, erklärte sie Anfang Mai. „Dennoch gilt, dass gegen Personen, die beim Begehen solcher Taten erwischt werden, Disziplarmaßnahmen ergriffen und Bestrafungen erfolgen werden, die im Einklang mit den UNO-Regeln und internationalem Recht stehen.“ Das Statement erfolgte nur wenige Tage vor Veröffentlichung des ai-Berichts.
An den darin erhobenen Forderungen wird sich die UNO-Verwaltung künftig messen lassen müssen, will sie mit ihrem nun auch öffentlich bekundeten Anspruch, entschieden gegen Frauenhandel vorzugehen, ernst genommen werden. So sollen UNMIK und KFOR „sämtliche Maßnahmen ergreifen, um den Handel von Frauen und Mädchen in die gezwungene Prostitution innerhalb des Kosovo sowie aus der Provinz heraus zu stoppen – und die Verletzung sozialer und ökonomischer Rechte potenzieller Opfer zum Thema machen“. Denn solange die gesellschaftlichen Ursachen für die auf mehr als sechzig Prozent geschätzte Arbeitslosigkeit nicht angegangen werden, wird das Versprechen einer Tänzerkarriere oder eines anderen Traumjobs in Westeuropa seine Anziehungskraft wohl kaum verlieren.
Markus Bickel - Der Autor ist freier Journalist und lebt in Sarajewo.
Werden Sie aktiv! Wenden Sie sich an den UN-Sondervertreter im Kosovo und fordern Sie ihn auf, entschieden gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution vorzugehen und die Verantwortlichen zu bestrafen.
[Interview mit Sevdie Ahmeti über den Schutz von Frauen und Kindern im Kosovo]
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