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amnesty journal Juni 2006

BRASILIEN

»Wir sind hier, um eure Seelen zu holen«

Mit einem gepanzerten Fahrzeug, dem »Caveirão«, verbreitet die Polizei in den Armensiedlungen von Rio de Janeiro Angst und Schrecken. Von Sigurd Jennerjahn

Anfang März dieses Jahres besetzte die brasilianische Armee für ein paar Tage einige Favelas in Rio de Janeiro. Zehn Gewehre, die Drogendealer aus einem der Arsenale gestohlen hatten, waren der offizielle Grund für die Operation. Um zehn Gewehre wiederzufinden, wurden 1.600 Soldaten mobilisiert, ohne dass die zivile Führung des Staates in irgendeiner Form in diese Entscheidung involviert gewesen wäre. Der Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hielt sich mit seiner Einschätzung vornehm zurück und urteilte, es sei das gute Recht der Armee, das ihr entwendete Eigentum wieder in ihren Besitz zu bringen. Was nach allerlei undurchsichtigen Manövern schließlich auch gelang. Das Geschäft der Dealer wurde in einigen Favelas durch die massive Präsenz der Soldaten zum Erliegen gebracht, und die Medien berichteten von Absprachen zwischen den Kommandos der Armee und denen der Dealer.

Der Eindruck, dass in Teilen von Rio de Janeiro Krieg geführt wird, kann aber auch entstehen, wenn die Streitkräfte in den Kasernen bleiben. Es reicht ein Blick in die lokalen Boulevardzeitungen. In reißerischer Form werden dort fast täglich die Einsätze der Polizei zu Missionen in einem Krieg gegen das Organisierte Verbrechen stilisiert. Für Marcelo Freixo, Historiker an der Universidade Federal Fluminense in Rio und wissenschaftlicher Mitarbeiter der NGO Justiça Global, steckt dahinter Kalkül. Denn so bedrückend die Probleme auch seien, so absurd sei es, von Krieg zu reden. Dies geschehe allein mit dem Ziel, eine bestimmte Sicherheitspolitik zu legitimieren. »Sie wiederholen hartnäckig, dass Rio sich in einem Krieg befindet. Und in jedem Krieg gilt es, den Feind zu eliminieren«, erklärt Freixo. Es gehe um die Kriminalisierung der Armut, damit der Gedanke an eine Politik, die eine andere Verteilung der Reichtümer vorsieht, gar nicht aufkommt.

Eines der schwersten Geschütze der Militärpolizei in diesem vorgeblichen Krieg ist ein gepanzertes dunkelgraues Fahrzeug, das »Caveirão« genannt wird. Der Name bedeutet so viel wie »großer Totenkopf«, und er rührt her von dem Wappen einer Eliteeinheit der Militärpolizei, das ein solcher Schädel ziert. Ein knappes Dutzend dieser Fahrzeuge patrouilliert heute durch die Favelas von Rio. Furcht einflößend ist dabei nicht nur der Name. Es gibt Favelas, die mehrmals in der Woche von dem Polizeipanzer heimgesucht werden, und regelmäßig sind bei diesen Einsätzen Todesopfer zu beklagen.

Die stereotype Erklärung der Polizei lautet, dass die Opfer Banditen seien, die bewaffnete Gegenwehr geleistet hätten. Häufig trifft dies jedoch nicht zu – was nicht heißen soll, dass die Tötung von Dealern zu rechtfertigen wäre.

Im Schnitt hat die Polizei von Rio de Janeiro in den letzten vier Jahren mehr als drei Menschen pro Tag getötet. Zwar lassen sich genaue Angaben darüber, wie viele bei Einsätzen des Caveirão ums Leben gekommen sind, nicht machen, aber Marcelo Freixo unterstreicht, dass sich aus der Statistik sehr wohl ein Zusammenhang ablesen lasse. Seit die Polizei verstärkt diese Panzerwagen einzusetzen, sei die Zahl der Getöteten sprunghaft angestiegen. Die Polizei rühmt die effiziente Arbeit, die das gepanzerte Fahrzeug ihr ermögliche. Man könne nun zu jeder Zeit in Favelas eindringen, ohne das Leben der eigenen Leute zu gefährden. Freixo weist dieses Argument als Propaganda zurück. Von den 44 Beamten, die etwa 2004 bei Einsätzen ihr Leben verloren hätten, sei nur ein kleiner Teil bei Konfrontationen in einer Favela ums Leben gekommen. Denn die meisten Polizisten kämen zu Tode, wenn sie sich privat als Sicherheitspersonal ein Zubrot verdienten.

Der wahre Grund, der den Caveirão für die Einsatzkräfte so attraktiv mache, liegt wohl eher darin, dass er ihnen Anonymität garantiert. Schüsse, die aus der sicheren Deckung des Fahrzeugs abgefeuert würden, sind kaum mehr einem Schützen zuzuordnen. Die Gefahr lästiger Verfahren wegen Missachtung von Menschenrechten ist damit erheblich geringer. Es ist hier aber noch ein weiterer Aspekt zu berücksichtigen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich in Rio de Janeiro eine makabere Form der Gewaltteilung etabliert. Gruppen von jungen Männern wickeln in den Favelas den Klein- und Einzelhandel mit Marihuana, Crack und Kokain ab. Selbst in der Regel in Favelas aufgewachsen, beanspruchen sie in Fragen, die ihr Geschäft tangieren, das letzte Wort für sich. Ein großer Teil der Polizei partizipiert kräftig an diesem Geschäft: Gegen die Zahlung einer Art Gebühr lassen sie den Dealern freie Hand. Gleichzeitig behält man sich aber vor, die eigenen Interessen wenn nötig auch mit Waffengewalt durchzusetzen.

Die Aufrüstung mit dem Caveirão stärkt die Position der Polizei. Und unabhängig von den dabei verfolgten Motiven stößt ein Auftreten der Polizei, das den Tod von jungen männlichen Favelabewohnern billigend in Kauf nimmt, auf unverhohlenen Zuspruch bei großen Teilen der Mittelschicht, die in eben diesen eine potenzielle Bedrohung erblickt.

Hauptleidtragende sind die Bewohner der Favela, die nichts mit dem Drogenhandel zu tun haben – also fast alle, denn nur ein verschwindend geringer Teil ist direkt daran beteiligt. Der Schrecken, den sie verbreiten, bereitet den Polizisten offenbar eine perverse Lust, denn anders ist der Psychoterror, dessen sie sich bedienen, kaum zu erklären. Über Lautsprecher werden die Bewohner verhöhnt, sei es, dass die Polizisten sie einfach nur beschimpfen, sei es, dass sie ankündigen: »Wir sind hier, um eure Seelen zu holen.«

In der Favela Acari hat die Besatzung eines Caveirão vor einigen Monaten einen Mann erschossen und ist mit dem am Wagen befestigten Leichnam durch die Favela gefahren. Nur gegen ein Lösegeld sollte er wieder freigegeben werden. Kein Wunder, dass bei einer Untersuchung in einer Favela die Kinder auf die Frage, wovor sie am meisten Angst hätten, ohne Ausnahme den Caveirão nannten.

Für Freixo symbolisiert dieses Fahrzeug »die Logik einer Politik der inneren Sicherheit, die in der Eliminierung der Kriminellen besteht. Und ›Krimineller‹ steht hier für das Sozialprofil des mittellosen Favelabewohners.« Um gegen diese Politik vorzugehen, ist Mitte März in Rio de Janeiro von »Justiça Global«, dem »Rede de Comunidades e Movimentos contra a Violência«, dem »Centro de Defesa dos Direitos Humanos Petrópolis« und ai eine Kampagne gegen den Caveirão lanciert worden. Auf Kundgebungen soll die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden. An die Adresse der Gouverneurin sind eine Postkarten- und eine Unterschriftenkampagne gerichtet. Vor Ort in den Favelas ist der Gegenwind jedoch deutlich zu spüren. Die Gegenseite versucht, die Kampagne als Sympathiekundgebung für den Drogenhandel zu verleumden. Und viele Bewohner haben schlicht Angst vor möglichen Repressalien durch die Polizei, vor einer weiteren Eskalation im Krieg, der keiner ist.

Der Autor ist freier Journalist und arbeitet in Rio de Janeiro und Berlin.


Den ai-Bericht »We have come to take your souls« finden Sie unter
http:// web.amnesty.org/library/index/Engamr190072006. Weitere Informationen unter www.global.org.br und per E-Mail ai-Brasiliengruppe@web.de




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