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amnesty journal März 2005
CONTROL ARMS
Jede Minute ein Mensch
In Friedens- wie in Kriegszeiten leiden vor allem Frauen unter den Folgen des unkontrollierten Waffenhandels.
Von einem Tag auf den anderen wurden meine Träume zunichte gemacht – alles wegen der Unverantwortlichkeit von eigentlich zivilisierten Männern, die sich nur mit einer Waffe in der Hand stark fühlen“, beschreibt Camila Magalhaes Lima aus Brasilien ihre Erfahrungen. Magalhaes Lima ging von der Schule nach Hause, als sie in einen Schusswechsel zwischen einer Gang und einer privaten Sicherheitsfirma geriet. Sie wurde von einer Kugel getroffen und kann seitdem ihre Beine nicht mehr bewegen. Sie ist nur eines von vielen Beispielen, mit denen der neue Bericht „The impact of guns on women’s lives“ von amnesty international, Oxfam und dem Internationalen Aktionsnetz zu Kleinwaffen (IANSA) den Zusammenhang von Waffenhandel, Kleinwaffen und daraus resultierender Gewalt gegen Frauen verdeutlicht.
Barbara Frey, die UNO-Sonderberichterstatterin für die Prävention von Menschenrechtsverletzungen durch Kleinwaffen, benennt den Zusammenhang von Waffenbesitz und Gewalt gegen Frauen so: „Während in einer männerdominierten Gesellschaft der Waffenbesitz damit begründet wird, dass Männer die Frauen schützen müssen, werden die Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit Opfer von Gewalt, wenn Waffen in der Familie oder der Gemeinschaft vorhanden sind.“ Jüngste Studien aus den USA belegen, dass das Risiko für Frauen, durch Waffen getötet zu werden, um das fünffache steigt, wenn Waffen bereits im Haushalt vorhanden sind.
Der Missbrauch von Schusswaffen durch Sicherheitskräfte nimmt in dem Maße zu, wie in dem entsprechenden Land eine Kultur der Straflosigkeit herrscht. Gerade weibliche Familienangehörige von Polizisten und Soldaten, die ihre Waffen nach Hause mitnehmen, sind einem erhöhten Gewaltrisiko ausgesetzt.
Jedes Jahr werden weltweit eine halbe Million Menschen durch Schusswaffen getötet – jede Minute ein Mensch. Der Wert der weltweiten genehmigten Waffenexporte beträgt 21 Milliarden US-Dollar pro Jahr. 639 Millionen Kleinwaffen sind weltweit im Umlauf, die von über 1.200 Firmen in mehr als 90 Ländern hergestellt werden. Jedes Jahr werden weitere acht Millionen Kleinwaffen und 16 Milliarden Munitionseinheiten produziert – das sind mehr als zwei Geschosse für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind auf der Welt. Etwa zwei Drittel der Kleinwaffen befinden sich in den Händen von Zivilisten. In der gleichen Minute, in der eine Person durch bewaffnete Gewalt stirbt, werden 15 neue Waffen hergestellt.
„Ein verlorenes Gepäckstück kann auf dem Weg von San Francisco nach Sierra Leone innerhalb weniger Stunden gefunden werden. Tödliche Waffen verschwinden jedoch täglich ohne jede Spur“, beklagt Jeremy Hobbs, Direktor von Oxfam International.
Die Wahrscheinlichkeit, einen verlorenen Koffer oder eine genmanipulierte Tomate wieder zu finden ist ungleich höher als die Wahrscheinlichkeit, eine Schusswaffe wieder zu finden. Zwar tragen auch Kleinwaffen Seriennummern. Doch ein weltweites System zur Kontrolle exportierter Kleinwaffen und zur Überprüfung von Seriennummern fehlt. Dadurch werden sie als Instrument zur Waffenkontrolle wertlos. Exportstaaten können sich darauf berufen, dass sie nicht wissen, wie die Kleinwaffen in die Hände von Verbrechern gekommen sind. Wegen der fehlenden globalen Registrierungen ist es nahezu unmöglich, illegale Exporte oder den Bruch eines UNO-Waffenembargos zu ahnden.
Jedes Jahr werden Tausende durch Kleinwaffen getötet oder verletzt, deren Herkunft unklar ist. Gleichzeitig fehlt Millionen Menschen ein Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, weil Gelder für Waffenkäufe ausgegeben werden. „Es ist an der Zeit, dass die Staatengemeinschaft diejenigen identifiziert und vor Gericht bringt, die hinter dem zynischen und todbringenden Geschäft stehen“, fordert die internationale Generalsekretärin von amnesty international, Irene Khan.
Ein weltweit nachzuvollziehendes Registrierungssystem könnte helfen, den Missbrauch von Kleinwaffen einzudämmen. Es würde ermöglichen, Händler zu identifizieren, die ein Waffenembargo umgehen. Bei dem jüngsten Massaker in Gatumba, Burundi, bei dem 150 Menschen getötet wurden, konnte man die Munition den Herkunftsländern China, Bulgarien und Serbien zuordnen. Doch wegen eines fehlenden Registrierungssystems war es unmöglich nachzuweisen, wie die Munition nach Burundi gelangte.
„Jedes Jahr werden acht Millionen Waffen produziert, und jedes Jahr werden Zivilisten Opfer von Gewaltakten“, sagt Rebecca Peters, Direktorin von IANSA. „Doch ohne ausreichende Registrierung ist es unmöglich, die Täter zu belangen.“
Daher ist eine zentrale Forderung von ai an die Staatengemeinschaft, sich auf ein Abkommen zur Regulierung des Waffenhandels zu einigen, um die Weiterverbreitung insbesondere von Kleinwaffen zu stoppen, mit denen Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird. Gleichzeitig sollte ein weltweites Waffenhandelsabkommen Exportstaaten verpflichten, keine Waffen in Länder zu liefern, in denen sie voraussichtlich für Menschenrechtsverletzungen eingesetzt werden. Auf nationaler Ebene fordert ai alle Staaten auf, den Umlauf von Kleinwaffen zu begrenzen; wirksam zu kontrollieren und Sicherheitskräfte zur Wahrung der Menschenrechte anzuhalten. Waffen sollten vor dem Zugriff unberechtigter Personen geschützt und überzählige Kleinwaffen zerstört werden.
Gerade nach dem Ende eines Bürgerkrieges verbleiben viele Waffen im Umlauf und bilden so eine konkrete Gefahr für die Stabilität eines Landes. Adele Kirsten, Gründerin der Organisation „Waffenfreies Südafrika“ stellt fest: „Uns wurde bewusst, dass die größte Gefahr für unsere Demokratie die übrig gebliebenen Waffen des Krieges waren, die unser Land überschwemmt hatten.“ Wegen ihrer Arbeit ist Adele Kirsten und ihre Organisation vielfältigen Drohungen und Beschimpfungen ausgesetzt. „Dies zeigt uns“, so Kirsten, „dass wir tief liegende Fragen von sexueller Identität und Geschlechterrollen ansprechen, dem Kern der kolonialen weißen männlichen Identität.“ Gleichzeitig sind es aber oft auch Frauen, die Männer in ihrem klassischen Rollenverständnis bestärken und Waffen als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Diesen Zusammenhang greift auch die brasilianische Organisation Viva Rio auf, indem sie verstärkt Aktivistinnen einsetzt, die der Öffentlichkeit klar machen, dass entgegen aller Klischees Männer durch Waffenbesitz weder männlicher noch attraktiver werden.
Ein Großteil der gegen Frauen gerichteten Gewalt in Kriegszeiten ist ein extremer Ausdruck der Gewalt, die sie in Friedenszeiten erleiden. Immer wieder werden Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten unter vorgehaltener Waffe vergewaltigt – zum Beispiel Frauen in Ruanda, Kroatien und Bosnien. Gerade in Kriegssituationen sind Frauen erhöhter sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Auch nach dem Ende des Krieges verschwinden seine brutalen Züge nicht spurlos. Zurückkehrende Soldaten, oftmals traumatisiert und zu Brutalität erzogen, bringen die Gewalt in die Familie. Tragen die Soldaten zusätzlich noch ihre Waffen mit sich, steigt die Gefahr für Frauen. SOS-Belgrad berichtete, dass Männer, die gewaltbereit und traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrten, mit den Waffen ihre eigenen Frauen bedrohten und einschüchterten.
Ali Al-Nasani - Der Autor ist Sprecher der Algerien-Koordinationsgruppe der deutschen ai-Sektion.
Der Bericht von ai, Oxfam und IANSA ist zu finden unter www.controlarms.de
Weitere Informationen unter http://www.smallarmssurvey.org, http:www.wecanendvaw.org und http://www.mothersagainstguns.org
One Million Faces
Unterstützen Sie die „Eine-Million-Gesichter-Petition“ im Rahmen der „Control Arms Kampagne“ von ai. Eine Millionen Fotos und Selbstporträts von Menschen aus aller Welt sollen die Regierungen dazu bewegen, einen Internationalen Pakt zur Waffenkontrolle zu unterzeichnen. Mit Ihrer Hilfe kann die Foto-Petition der größte Massenprotest aller Zeiten gegen den Missbrauch von Waffen werden.
Registrieren Sie sich unter http://www.controlarms.org/million_faces/en/index.php/register |
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