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amnesty journal November 2006

»Wir müssen unsere eigenen Worte finden«

Esther Mujawayo setzt sich für Witwen in Ruanda ein und arbeitet auch in der Rehabilitation von traumatisierten Flüchtlingen in Deutschland.

Ihre Eltern und Ihr Ehemann wurden während des Genozids ermordet. Trotzdem wirken Sie nie verbittert.

Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Trotz der allgegenwärtigen Diskriminierung in Ruanda vermittelten meine Eltern uns Kindern ein positives Lebensgefühl. Außerdem hat mir die Arbeit mit der »Assoziation der Witwen des Genozids« (Avega) sehr geholfen. Wenn wir elend aussehen, so versicherten wir uns, dann habe der Mörder doppelt gesiegt: Durch den Tod unserer Familien und durch die Zerstörung unserer Seelen. Wenn wir wütend werden, würden wir das Spiel des Teufels spielen, sagte einmal eine religiöse Frau zu uns. Diese Wut sei von Anfang an der Plan des Mörders gewesen, und dies dürften wir nicht zulassen.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Mein Vater war Pastor und Lehrer. Er hat uns erklärt, dass man sich nicht schämen soll für etwas, das man sich nicht ausgesucht hat. Meine Eltern haben nur Töchter, und in Ruanda bedeutet dies normalerweise, dass man keine Kinder hat. Aber mein Vater hat meiner Mutter immer vermittelt, dass sie stolz auf uns sein kann. 1959 wurde unser Haus zum ersten Mal geplündert. Ich war damals ein Jahr alt. Meine Eltern sagten, das Wichtigste sei, dass man uns nicht getötet habe. Besitztümer kommen und gehen, sie können alle ersetzt werde. Das haben sie auch getan. Arm seien diejenigen, die uns das angetan haben, und nicht wir, meinten meine Eltern.

Das klingt fast wie eine Philosophie.

Die Frauen haben diese Botschaft sehr verinnerlicht. Wir wollen deutlich machen, dass wir nicht immer mit einem Lächeln die grausamen Ereignisse überspielen können. Wenn du zu Hause bist, darfst du weinen und schreien. Aber wenn es vorbei ist, musst du dein Gesicht waschen und lächeln, heißt es bei Avega.

In Europa empfehlen wir den Menschen eher, über ihr Unglück zu sprechen.

Wir haben die Frauen auch ermutigt, über ihr Leid zu sprechen. Sie sollen die schlechten Gefühle äußern, damit sie nicht krank davon werden. Sie sollen schreien und weinen. Aber anschließend sollen sie das Unglück abstreifen und vor die Tür gehen.

Können Menschen an Ihren traumatischen Erfahrungen wachsen?

Davon bin ich überzeugt. In Ruanda gibt es einfaches Gleichnis dafür: Wenn man Tierdung, was keine schöne Sache ist, unter einen Baum wirft, wächst an dieser Stelle der schönste Bananenbaum. So sollte es auch mit der Erfahrung des Genozids in Ruanda geschehen. Wir wollten daran wachsen. Ein anderes Bild, mit dem wir gearbeitet haben, sind Wasserfälle. Ihre Kraft ist zerstörerisch, aber wenn sie richtig kanalisiert wird, entsteht Elektrizität. Wenn es das gelingt, kann etwas Starkes daraus entstehen.

Einige meiner Klienten in Deutschland würden sich bei solchen Vergleichen nicht ernst genommen fühlen.

Das verstehe ich, Sie sind eine Außenstehende. Bei Avega hatten wir alle ähnliche Erfahrungen gemacht, deswegen konnten wir Ratschläge auch besser annehmen. Bei Avega arbeitete ich anfangs nicht als Therapeutin, sondern ich war ein Opfer wie alle anderen auch. Für mich war es wichtig zu reden, zu weinen und zu schreien. Uns war nicht bewusst, dass wir uns dadurch gegenseitig therapieren. Viele von uns glaubten, dass sie verrückt werden würden. Sie behandelten ihre Kinder schlecht, versalzten jedes Essen. Bei Avega lernten wir, dass es anderen ähnlich ging. Wenn wir verrückt sind, dann sind wir es wenigstens nicht alleine.

Viele Kollegen sind nach dem Genozid nach Ruanda gegangen, um dort psychologische Hilfe zu leisten. Empfinden Sie das als eine neue Form von Kolonialismus?

Überhaupt nicht, so lange sie zuhören. Mir haben ausländische Kollegen sehr geholfen. Ich erinnere mich an eine belgische Hilfsorganisation, die Supervision angeboten hat. Das war wichtig für mich, alleine hätte ich das alles nicht verkraftet. In Ruanda hatte ich manchmal 15 Klienten am Tag. Das ist zuviel, aber der Bedarf war so groß, dass ich nicht Nein sagen konnte. Es war auch wichtig zu lernen, eine Pause zu machen und baden zu gehen.

War es ein Vorteil, die gleichen Erfahrungen wie Ihre Klienten zu haben?

Ja, auch wenn es manchmal Nachteile mit sich bringt. Wenn die Klienten denken, sie müssten mir wegen meiner Erfahrung nichts mehr erklären. »Du weißt schon«, heißt es dann. Aber sie müssen ihre eigenen Worte finden. Wir können nicht für andere weinen, sondern nur für uns selbst.

Warum ist Avega so erfolgreich?

Wir haben zwar klein angefangen, aber alle waren sehr engagiert. Das Projekt hat sich an den Bedürfnissen der Überlebenden orientiert. Es fehlten Häuser und gleichzeitig auch ein Raum, um mit den schrecklichen Erlebnissen fertig zu werden. Also haben wir beides aufgebaut.

Wie empfinden Sie Deutschland im Vergleich dazu?

Ruanda ist sehr arm. In Deutschland sind die Menschen hingegen oft einsam und unglücklich. Sie sind unzufrieden, haben Angst miteinander zu sprechen, sich zu berühren. Sie gehen am liebsten in ihre Wohnungen und haben ihre Ruhe. Manchmal sorge ich mich eher um die Zukunft Deutschlands als um die Ruandas. Hier ist alles so kompliziert. Die Menschen sollten lernen, einfach zu leben und sich mit anderen zusammenzuschließen. Das »Sein« in den Vordergrund zu stellen und nicht das »Haben«. Das klingt vielleicht missionarisch, aber ich glaube, so einfach ist das.

Was halten Sie von einem »Versöhnungskonzept«?

Die Opfer sind noch nicht rehabilitiert, wie sollen sie sich da versöhnen? Das Leben der Nachbarn, mit denen ich mich versöhnen soll, ist nach dem Genozid normal weitergelaufen. Aber meine Familie ist tot. Auch wenn die Opfer nicht wieder lebendig werden, so muss es wenigstens eine Entschuldigung und die Rückgabe des Eigentums geben. Das ist das Minimum und der Anfang. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Dadurch würde auch das Leid der Opfer endlich anerkannt. Aber manchmal frage ich mich, wozu eine Versöhnung gut sein soll. Ich will nur in Frieden leben.

Das Gespräch führte Elise Bittenbinder. Sie arbeitet als Psychotherapeutin bei XENION, Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte Berlin, und ist Vorsitzende der »Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer« (BAFF).

Esther Mujawayo

Nach dem Genozid von Ruanda gründete Esther Mujawayo gemeinsam mit 50 Witwen die »Assoziation der Witwen des Genozids« (Avega). Vor fünf Jahren kam sie mit ihrem neuen Ehemann nach Deutschland. Die Soziologin und Therapeutin arbeitet im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf vor allem mit afrikanischen Frauen.

amnesty international

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