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amnesty journal September 2004

BÜCHER


Frauen als Kriegsbeute

Medica Mondiale (Hg.): Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen. Handbuch zur Unterstützung traumatisierter Frauen in verschiedenen Arbeitsfeldern. Mabuse Verlag, Frankfurt am Main 2004, 440 Seiten, 29,80 Euro.

Die Geschichte von Frauen als „legitime Beute“ in Kriegen ist so alt wie bewaffnete Auseinandersetzungen selbst. Vergewaltigungen als bewusst eingesetztes Mittel zur Kriegsführung gibt es unabhängig von Nationalität, Klasse, kultureller sowie religiöser Ideologie. Die Zahl der sexuellen Misshandlungen zwischen 1992 und 1995 in Folge des Jugoslawienkrieges wird auf rund 50.000 geschätzt. Im Kosovo floriert seit dem Einsetzen der UNO-Übergangsverwaltung der Frauenhandel.

Die Frauenorganisation „medica mondiale“ hat nun ihre Erfahrungen mit sexuell traumatisierten Frauen im Handbuch „Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen“ zusammengefasst. Sie arbeitet seit 1993 zu dem Thema und stützt sich auf Berichte betroffener Frauen und Gynäkologinnen aus ehemaligen Kriegsgebieten. Monica Hauser, Leiterin der Organisation und Herausgeberin des Handbuchs, erzählt von jungen Frauen, die in Bagdad ohne Familienschutz nicht das Haus verlassen, weil viele „am helllichten Tag auf der Straße vergewaltigt“ werden. Dabei verschlechtert sich die Situation kontinuierlich seit dem Ende der „offiziellen“ Kriegshandlungen.

Mit dem Handbuch soll nun vor allen das Bewusstsein von Ärzten und Beamten geschärft werden. Die Autorinnen von „medica mondiale“ bieten Informationen über Hintergründe und Funktion von sexualisierter Gewalt und schildern ihre Erfahrungen mit gynäkologischer Betreuung und psychosozialer Beratung in Rechtsfragen. Das betont sachlich gehaltene Buch ist auch für politisch und gesellschaftlich interessierte Privatleute empfehlenswert.

Ellen Brokopf



Irakische Exilopposition

Johanna Awad-Geissler: Safia. Eine Scheichtochter kämpft um ihr Land. Droemer-Verlag, München 2003, 380 Seiten, 19,90 Euro

Safia Taleb Al-Souhail ist eine der führenden Frauen der irakischen Opposition. Die österreichische Journalistin Johanna Awad-Geissler schildert in ihrem Buch „Safia“ deren Geschichte von den Anfängen ihres Exils bis zu ihrer Rückkehr nach dem Sturz des Saddam-Regimes. Schon Safias Vater stand in heftiger Opposition zu Saddam Hussein. Das Buch nennt zahlreiche Namen, Zahlen und Daten und schildert eindrücklich das ständig von irakischen Geheimdienstlern bedrohte Leben im Exil. Auch Safias Vater fiel einem Mordanschlag zum Opfer. Vom Westen wurde der Irak allerdings lange als Bollwerk gegen den islamischen Fundamentalismus des Iran mit Waffen gestützt. Dass Safia den Krieg der amerikanisch-britischen Allianz gegen den Irak begrüßte, ist vor ihrem persönlichen Hintergrund verständlich.
Das Buch ist nicht so pathetisch, wie es der Untertitel „Eine Scheichtochter kämpft um ihr Land“ fälschlicherweise suggeriert. Obwohl in der ersten Person geschrieben, handelt es sich nicht um eine Autobiographie, sondern vielmehr um die erzählerische Nachempfindung von Gesprächen. Dies macht eine Schwäche dieses Buches aus. Anstelle der dokumentarischen Wiedergabe von Informationen werden notwendige Erklärungen in den Text zusätzlich eingebaut. Das ist bei der Fülle von Details und der Vielzahl politischer Themen, die angesprochen werden, oft hilfreich, manchmal aber auch widersprüchlich. Die an mehreren Stellen vorgenommene Gleichsetzung von Saddam Hussein mit Hitler und der Baath-Partei mit der NSDAP ist mehr als ärgerlich: sie ist historisch falsch und politisch schädlich.
Ali Al-Nasani



Ehrenmorde

Souad: Bei lebendigem Leib. Aus dem Französischen von Anja Lazarowicz. Blanvalet-Verlag, München 2003, 286 Seiten, 19,90 Euro

Die Jordanierin Souad verliebt sich mit 17 Jahren in einen Jungen ihres Dorfes und wird ungewollt von ihm schwanger. In einer patriarchalen Gesellschaft, in der die Jungfräulichkeit vor der Ehe ein Symbol für die Ehre der gesamten Familie darstellt, kommt dies einem Todesurteil gleich. Souads Familie beschließt daher, sie umzubringen. Es ist ihr Schwager, der sie in einem unbeobachteten Moment auf dem Hof ihrer Familie mit Benzin übergießt und anzündet. Doch Souad überlebt schwer verletzt und wird in ein Krankenhaus gebracht. Wie durch ein Wunder kommt im Krankenhaus ihr Kind auf die Welt und wird ihr sofort entzogen. Erst als eine französische Menschenrechtsaktivistin auf ihren Fall aufmerksam wird und einen jungen Arzt dazu motivieren kann, Souad nicht dem sicheren Tod zu überlassen, wendet sich das Schicksal. Mit Hilfe der Schweizer Menschenrechtsorganisation „Surgir“ gelingt Souad und ihrem Kind die Ausreise aus dem Westjordanland.
Dieses Buch enthält sowohl autobiographische als auch dokumentarische Elemente. Es arbeitet mit Zeitsprüngen und Perspektivwechseln, die dem Verständnis allerdings nicht dienlich sind. An der Tragik des Einzelfalls dieses versuchten Ehrenmords ändern solche Unzulänglichkeiten allerdings nichts. Ali Al-Nasani


ai auf der Frankfurter Buchmesse

Gastland „Arabische Welt”
Halle 3.1, Stand C 106
6.-10. Oktober 2004

Pressekonferenz am 7.10., 12.30 Uhr

Podiumsveranstaltung im Forum Dialog
am 9.10., 11.30 Uhr
Moderation: Roger Willemsen


amnesty international

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