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amnesty journal November 1996

KAMBODSCHA

Ein Pakt mit dem Teufel

König Sihanouk hat den 1979 wegen Massenmordes in Abwesenheit zum Tod verurteilten "Bruder Nummer zwei" nach Pol Pot, Ieng Sary begnadigt. Die Aufarbeitung des Völkermordes durch die Roten Khmer ist dringend geboten.


Einst beherbergten die Häuser in einer besseren Gegend von Phnom Penh wohl ein gepflegtes Lyzeum; man kann es trotz Mauer, Stacheldraht und Sichtblende noch erahnen. Später dann wurde der Komplex weltberüchtigt: durch den Ex-Lehrer Pol Pot.

Der schuf hier das S 21, das Sicherheitsbüro 21, eine Lehranstalt für letzte Lektionen. Einige Klassenzimmer fungierten nun als Folterkammern, andere, zerteilt durch Holzverschläge und rohe, halbhohe Mauern, als Gefängniszellen. Die vorletzte Station für Tausende, die Pol Pots Roten Khmer im Wege waren: für Bauern und Arbeiter, für Lehrer, Ingenieure, Diplomaten, Mönche und Minister, für Frauen, Männer, Kinder. Wenn die "Befragung" beendet war, wurden sie meistens am Stadtrand erschlagen und stürzten in ein selbstgeschaufeltes Grab.

Das Schlachthaus ist heute eine Gedenkstätte. Naive Malereien zeigen die hier praktizierten Foltermethoden: Wie die Menschen kopfüber in Wasser getaucht, wie ihre Haut gepeitscht, ihre Knochen gebrochen, ihre Muskeln zerrissen wurden. Ein Arsenal wie im Mittelalter - Stangen, Peitschen, Schraubzwingen, Zangen, riesige Kübel. Daneben modernstes Gerät für die Elektroschocks.

Am furchtbarsten: Die kahlen Zimmer, in denen nur ein rohes metallenes Bettgestell steht, mit einem Bügel zum Festklemmen des Opfers. Auf einem dieser Gestelle liegt ein alter Fetzen Stoff mit schmutzigroten Flecken. Der Steinfußboden darunter ist voll getrockneter Blutschlieren. Die Luft steht in diesen Räumen, als sei sie vor Schreck erstarrt.

Die Roten Khmer waren penibel wie die Nazis, führten lange Todeslisten, schrieben wieder und wieder die erpreßten Geständnisse nieder. Die "Befrager" fotografierten ihre Opfer, deren Wunden, deren angstgefrorene Gesichter. Und auch sich selbst: sehr junge, sehr entschlossen und manchmal ein wenig arrogant dreinblickende "Bengel", stets die obligatorische Ballonmütze auf dem Kopf.

Forscher der amerikanischen Yale University, die das mörderische Treiben heute untersuchen, waren erstaunt über die von den Schlächtern hinterlassene Aktenfülle: 500.000 Seiten mit Verhör- und Folterprotokollen, Geständnissen, Listen, Fotos. Doch sie studierten nicht nur den Papierkram. Die Wissenschaftler des "Genozid-Programms", geleitet von dem australischen Professor Ben Kiernan, haben, mit Hilfe von Satelliten, bereits über 8.000 Massengräber im Lande lokalisiert, meist in unmittelbarer Nähe von Gefängnissen.

Die Aufarbeitung des wohl verheerendsten Genozids seit dem deutschen Holocaust ist in vollem Gang. Das Material soll die Welt bald im Internet studieren können (http://www.pactok.net.au/docs/dccam/dccam.htm). Auch ein "digitales Archiv der Überlebenden des kambodschanischen Holocaust" ist im Aufbau (http://www.engr.csulb.edu/cambodia).

Durch die Arbeit bestätigt sich, was Kenner schon ahnten: Es war kein spontaner Massenmord gehirngewaschener Bauernkrieger. Es war ein Produkt planvoller, fleißiger Arbeit, vollbracht von einer funktionierenden Bürokratie. "Die waren unglaublich akribisch", staunt ein Forscher. Die Ballonmützen töteten, so schätzen Forscher heute, mehr als 1,5 Millionen Menschen, gut ein Fünftel der Bevölkerung. Hunderttausende wurden exekutiert, die Mehrzahl starb an Krankheit und Hunger - Folgen von Verschleppung und Zwangsarbeit.

Längst wäre genug Stoff da für ein großes Kriegsverbrechertribunal, könnten Leute wie Pol Pot, Ta Mok, Nuon Chea, Son Sen, Ieng Sary, seit einem Vierteljahrhundert die Kerntruppe der Khmer Rouge, der Prozeß gemacht werden - so man ihrer habhaft werden würde. Doch plötzlich bescheren die Rebellen Kambodschas Geschichte eine neue bizarre Wendung: Sie spalten sich.

Ieng Sary, lange Jahre der "Bruder Nummer zwei" nach Pol Pot, sagte sich Anfang August von den Kampfgefährten los. Der Bruch ist folgenschwer: Der Ex-Außenminister der Guerilla, angeblich Jahrgang 1930, kommandiert an die 3.000 Mann; womöglich, spekuliert der "Far Eastern Economic Review", die halbe Kampfkraft der Pol-Pot-Armee. Wichtiger noch: Er kontrolliert die Gegend um Pailin im Nordwesten Kambodschas, Zentrum des Handels mit Tropenhölzern und Edelsteinen - die Geldquelle der Roten Khmer. Die einzige, seit die Truppe China 1991 nicht mehr nützlich erschien.

Warum, rätselten Experten sogleich, die Spaltung? Die Roten Khmer gelten als extrem zäh - 33 Jahre währt ihr Kampf, mit weitgehend unverändertem Führungspersonal. So pervers ihre Politik ist, so stabil schien bislang ihr Gefüge. Die Schlächter kennen sich zum Teil noch vom Studium an der Pariser Sorbonne. Könnte es, mutmaßten Skeptiker anfangs, gar die Neuauflage einer alten Taktik aus den 60er Jahren sein, wo sich die Roten Khmer zugleich als Krieger und Verhandler versuchten?

Seither aber mehren sich die Anzeichen für echten Zoff im Rebellenlager. "Supermaoist" Ta Mok, Pol Pots treuer Chefdogmatiker, soll viel Zorn erregt haben, als er die Fernseher und Motorräder der Kämpfer zu sozialisieren suchte. Zudem ist Geld im Spiel. Pol Pots Getreue verbreiten, Ieng Sary habe Millionen unterschlagen, beschimpfen ihn via Radio als Trunkenbold, Verräter und Agenten. Der hält ihnen dafür "Grausamkeit" und "Faschismus" vor. Man will sich gegenseitig verhaften, hat auch schon aufeinander geschossen.

Bei den Geheimverhandlungen in Bangkok drängte Ieng Sary auf Straffreiheit. Er war Pol Pots Kumpel seit 1947, sein Ex-Schwager und Kommilitone; mit dem Massenmord will er gar nichts zu tun gehabt haben: "Pol Pot hat alle Entscheidungen getroffen. Die anderen führten sie lediglich aus." Eine in Deutschland nicht unbekannte Wendung.

"Sympathy for the devil" heißt der neue Kurs der Regierung. König Sihanouk hat sich entschieden, Ieng Sary, der 1979 wegen Massenmordes in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, zu begnadigen. Der zweite Premier Hun Sen hatte die Amnestie gefordert. Auch Premier Nummer eins, Königssohn Prinz Norodom Ranariddh, fand sie reizvoll - obwohl er den Mann für eine Zumutung hält. Die Regierung hofft, mit der großen Geste weitere Pol-Pot-Gefährten anzulocken. Und auf verlustreiche Feldzüge, die sie alle Jahre wieder in der Trockenzeit führt, womöglich bald verzichten zu können. Die taktischen Winkelzüge haben allerdings Grenzen: "Eine Amnestie bedeutet nicht, daß wir aufhören, nach Beweisen für seine Schuld zu suchen", sagt ein hohes Regierungsmitglied. Sollte es je zu einem internationalen Kriegsverbrecherprozeß kommen, werde man nicht zögern, die Angeklagten auszuliefern. Der Pakt mit dem Teufel ist dennoch gewagt. Die Kampfmoral von Soldaten, die mit Glück rund 25 Mark Sold pro Monat bekommen, ist wohl vergangen, w
enn sie sehen, daß Ieng Sary und seine Krieger mit dem Segen aus Phnom Penh weiter Edelhölzer, Rubine und Saphire verhökern. Da werden Millionen bewegt. Die Kunden der Roten Khmer - thailändische Geschäftsleute und Militärs - sollen bis zu 100.000 Arbeiter in Kambodschas Dschungel beschäftigen. Was werden die Familien der Opfer zum Bruderkuß mit dem Schlächter sagen? Macht das Volk mit, wenn die Killer aus den Kardamombergen mit ins morsche Boot kommen? Es gab einen Testfall. Nach dem Pariser Friedensschluß von 1991 trafen Khieu Samphan - der Khmer-Rouge-Ökonom, der die Massenumsiedlung plante - und Son Sen, Ex-Kommandeur von S 21, in Phnom Penh ein. "Die Menschen haben uns warmherzig empfangen", fand Son Sen. "Sie nennen mich Onkel."

Doch plötzlich stürmte eine Handvoll junger Leute den für die Roten Khmer reservierten Komplex. Ein Bild ging um die Welt: Khieu Samphan auf einem Klo, eine Unterhose auf dem Kopf, um sich vor Schlägen zu schützen.

Der Clou: Es war wohl nur Show. Stan Sesser, ein Journalist, der sich damals für den "New Yorker" in Phnom Penh herumtrieb, fand heraus: Die Transparente waren im Innenministerium gemalt worden, die Studenten nicht echt. Die Roten Khmer, lautete sein Fazit, könnten durch den Friedensprozeß erneut an die Macht kommen. "In Sachen Propaganda", hat der König einmal gesagt, "übertreffen Pol Pot und Ieng Sary sogar ihren Guru, Joseph Goebbels."

Die Crux ist: Kambodscha steckt schon zu lange im Elend. Als 1992 die UNO kam, um den Frieden zu bringen, hatten ihre Menschenrechtsoffiziere ein Curriculum fürs Volk unterm Arm, einen Zwölf-Stunden-Crash-Kurs in Sachen Zivilisation. Darin wimmelte es von guten Menschen: beherzten Nachbarn, starken Frauen, redlichen Politikern und mutigen Gewerkschaftern. Auszug: "Lektion 2: Menschenrecht auf Leben und persönliche Sicherheit. 45 Minuten. Ziel: Die Schüler werden lernen, daß eine Person kein Recht hat, eine andere zu verletzen oder zu töten." Es klang wie im Märchen.

Die Kambodschaner waren zu höflich, um laut zu lachen. Sie kennen keine Lichtgestalten. Auf ihrem Polit-Schachbrett stehen nur alte, immer wieder neu bepinselte Figuren. Pol Pot, der einst wohl charismatische Schlächter, auf den so viele gesetzt haben: Wissenschaftler und Weltverbesserer, China und die CIA. Auf die Frage, was er wirklich bedaure, antwortete ein deutscher Ex-K-Gruppen-Führer einmal drucksend: "Mein Glückwunschtelegramm an Pol Pot."

Daneben die Figur Hun Sen, früher selbst ein Roter Khmer, der in den 80er Jahren zum Herrscher von Vietnams Gnaden mutierte. Seine Alleinherrschaft war zutiefst korrupt. Wer ihm nicht paßte, verschwand auf Jahren in modrig stinkenden Kästen, ohne Verfahren, in Ketten.

Auch König Sihanouk, immer lächelnd und elegant, läuft nicht Gefahr, als Ehrenmitglied von amnesty international zu enden. Nach seiner Absetzung 1970 paktierte "Kambodschas kuriose Konstante" mit Pol Pot, schlüpfte in China unter, wurde ein enger Freund von Nordkoreas Alleinherrscher Kim Il Sung. Seine bulligen nordkoreanischen Leibwächter zeugen von der Bindung.

Seit dem Abzug der UNO-Truppen, klagt amnesty international, häuften sich Morde durch Polizisten und Militärs. Ein jeder müht sich auf eigene Faust, einen Zipfel Wohlstand zu erhaschen. Phnom Penh, einst von Pol Pots Mannen entvölkert, ist wieder zur modernen Großstadt geworden: geprägt von Drogen, Kriminalität und Korruption.

Tom Schimmeck

Der Autor ist Journalist in Hamburg und Autor für "Die Woche". Wir übernehmen seinen Text mit freundlicher Genehmigung aus der Ausgabe vom 20. September 1996.



ZEITTAFEL

1863-1953: Französische Kolonie

1955-1970: Prinz Norodom Sihanouk regiert das Königreich Kambodscha. Das Land wird in den Vietnamkrieg hineingezogen. Ab 1969 bombardieren die USA Kambodscha.

1970-1978: Generalstabschef Lon Nol stürzt mit US-Hilfe Sihanouk und gründet eine Republik. Von Peking aus verbündet sich Sihanouk mit den Roten Khmer gegen das Militärregime Lon Nols.

1975-1978: Pol Pots Rote Khmer marschieren in Phnom Penh ein und errichten das Demokratische Kampuchea, ein Terror-Regime, dem mehr als 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Sihanouk wird unter Hausarrest gestellt.

1978-1989: Vietnamesische Truppen vertreiben Pol Pot und bilden eine Marionettenregierung unter Heng Samrin und Hun Sen. Sie wird von den Roten Khmer, Sihanouk und dem Anti-Kommunisten Son Sann bekämpft.

1989: Abzug der vietnamesischen Truppen

1991: In Paris wird ein Friedensabkommen unterschrieben. Sihanouk kehrt aus Peking zurück.

1993: Erste freie Wahlen unter dem Schutz der UNO. Sihanouks Sohn Ranariddh und Hun Sen werden gemeinsam Premierminister.

amnesty international

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