 | 
amnesty journal April 2005
RUANDA
Eine Schande für die Menschheit
Ein Gespräch mit Paul Rusesabagina, dessen Biografie die Vorlage für den Film »Hotel Ruanda« ist, über den Genozid 1994.
Wie erklären Sie sich das unglaubliche Ausmaß an Hass in Ruanda?
Diese Feindschaft entstand bereits vor der Kolonisierung. Die Hutu gehörten zur einfachen Landbevölkerung, während die Tutsi die Führungsschicht stellten. Die belgische Kolonialverwaltung rekrutierte dann aus den Tutsi die einheimische Elite. Der Kampf für die Unabhängigkeit 1959 war deshalb vor allem eine Revolution der Hutu. Viele Tutsi flohen damals nach Uganda, Burundi oder in den Kongo und organisierten dort eine Rebellenbewegung.
Welchen Anteil hatte die damalige Regierung in Ruanda an dem Genozid?
Sie spielte eine katastrophale Rolle. Auf Seiten der Regierung agitierten Kräfte, unterstützt von den Hutu-Milizen und Teilen der Medien, deren einzige Botschaft Hass war: »Die Tutsi sind eure Feinde, sie sind keine Menschen, sondern Parasiten«, hieß es täglich in dem Radiosender, der diese Kräfte unterstützte. Diese Sendung nahm vielen die Hemmungen, zu töten. Zeitungen haben nur einen begrenzten Einfluss in Ruanda, aber ein Transistorradio besitzt jeder.
Haben Sie nicht daran gedacht, das Land rechtzeitig zu verlassen?
Der Bürgerkrieg begann Anfang der neunziger Jahre. 1993 gab es die ersten Massaker in Kigali. Doch wir waren sehr zuversichtlich, da die UNO ins Land gekommen war, um den Waffenstillstand zu überwachen. Im Frühjahr 1994 befand ich mich in Brüssel und kehrte eine Woche, bevor der Völkermord begann, nach Ruanda zurück. Ich habe wie viele andere auf die UNO vertraut und konnte nicht glauben, dass ein Völkermord vor den Augen der Weltöffentlichkeit stattfinden könnte.
Was hat die UNO damals falsch gemacht?
Die UNO-Mission war extrem schwach. Die Situation eskalierte, als zehn belgische UNO-Soldaten getötet wurden. Anstatt die Mission zu verstärken und die Verantwortlichen für den Überfall vor Gericht zu bringen, zog sich die UNO zurück. Als sie mitten im Genozid das Land verließ, hatte die Hutu-Miliz gewonnen.
Können Sie sich vorstellen, wieder nach Ruanda zurückzukehren?
Ich habe zu viel gesehen, deshalb musste ich das Land verlassen. Ich bin nicht mehr in dem Alter, um noch einmal neu zu beginnen. Auch wenn sich seit dem Bürgerkrieg einiges verändert hat, bleibt Ruanda immer noch Ruanda. Es gibt Gewinner und Verlierer. Und es passt nicht zu einer Demokratie, dass eine Minderheit regiert.
Wann haben Sie sich entschlossen, Ihre Geschichte zu verfilmen?
Die Idee war nicht völlig neu. Seit 1996 stand ich in Kontakt mit Regisseuren, insbesondere Dokumentarfilmern, um die Geschichte über das Hotel »Mille Collines« zu verfilmen. Ich wollte so vielen Menschen wie möglich meine Botschaft zeigen, eine Dokumentation schien mir jedoch dafür nicht geeignet. Dann traf ich Terry George. Er zeigte mir einige seiner Filme, und lud mich zu sich nach Hause ein. Dort unterhielten wir uns fünf Tage lang. Seitdem hat mich dieser Film beschäftigt.
Ist der Spielfilm authentisch?
Er zeigt die wahre Geschichte.
Sie haben damals auch Kinder von Angehörigen gerettet. Wie haben sie auf den Film reagiert?
Als sie ihre Eltern verloren, waren sie sehr jung, ein Kind war zwei Jahre alt, das andere neun Monate. Deshalb mussten wir sie langsam auf die Geschichte vorbereiten. Die Bilder haben sie tief bewegt.
Ist es sehr schmerzhaft, die Ereignisse wieder zu sehen – diesmal auf einer Kinoleinwand?
Natürlich erinnert mich der Film immer daran, was ich damals erleben musste. Ich leide immer noch unter Albträumen. Aber wenn man die Erlebnisse verdrängt, können die Folgen noch schlimmer sein. Irgendwann zerbricht man daran. Über das Geschehene zu reden, es anderen Menschen mitzuteilen, kann auch Heilung bedeuten.
Hatte die Erfahrung mit dem Genozid für die Länder der großen Seen politische Konsequenzen ?
Nichts hat sich geändert. Zum Beispiel im Kongo – seit 1996 sind dort über drei Millionen Menschen umgebracht worden. Niemand hat das Morden aufgehalten. Vor kurzem besuchte ich als Mitglied einer internationalen Delegation den Sudan, um auf die Situation in Darfur aufmerksam zu machen.
Dort wurden bislang über 70.000 Menschen getötet – niemand schreitet ein. Mehr als 1,6 Millionen Menschen sind in ihrem eigenen Land vertrieben worden. Über 3.000 Dörfer sind komplett zerstört, die Brunnen sind vergiftet. Die Ortschaften werden bombardiert, und die Miliz versucht alle zu töten, die vor diesen Angriffen fliehen. Es ist eine Schande für die Menschheit.
Mittlerweile sind Soldaten der Afrikanischen Union in Darfur stationiert …
Diese Soldaten können nicht viel erreichen. Sie sind bestenfalls Bodyguards für die humanitären Helfer, während die Zivilbevölkerung sich selbst überlassen bleibt. Es ist unglaublich, was dort geschieht. Die Menschen laufen zwei Wochen durch die Wüste, um über die Grenze in den Tschad zu fliehen.
Hunderttausende schlafen im Sand, haben kein Wasser und keine Lebensmittel. Sie haben nicht mal eine Decke, um sich vor der glühenden Sonne zu schützen. In der Sahara ist es am Tag über 40 Grad heiß, und nachts fallen die Temperaturen unter Null Grad.
Was könnte die Situation in Afrika ändern?
Afrika darf nicht mehr durch Waffen regiert werden. Sie zerstören das Leben, sie gehorchen nur dem Gesetz des Stärkeren. Doch hinter jeder dieser Waffen steht eine Supermacht. Das ist das größte Problem in Afrika.
In einer Filmszene erklärt ein belgischer UNO-Offizier, dem Westen sei das Schicksal der Menschen in Afrika egal.
Als die UNO-Soldaten im April 1994 abgezogen wurden, flehten die Menschen, die in Schulen und Kirchen geflohen waren, um ihr Leben. Ohne den Schutz der UNO waren sie der Miliz ausgeliefert. Doch die abziehenden Soldaten haben diese Menschen nicht gerettet. Sie haben nur Europäer evakuiert, selbst deren Hunde haben sie mitgenommen. Ein europäischer Hund war wichtiger als das Leben eines ruandischen Flüchtlings.
Interview: Anton Landgraf
Eine wahre Geschichte
Von April bis Mitte Juli 1994 starben in Ruanda fast eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu durch die Hände der Miliz. Der Genozid rief damals keine nennenswerte Entrüstung in der Weltöffentlichkeit hervor, es gab keine internationale Hilfsaktion. Der Spielfilm »Hotel Ruanda« erzählt die wahre Geschichte von Paul Rusesabagina. Der Manager des Hotels »Mille Collines« in Kigali rettete während des Genozids mehr als 1.200 Flüchtlinge vor dem sicheren Tod. Erst kurz vor Ende des Bürgerkriegs konnten sie sich über die Grenze in Sicherheit bringen. Paul Rusesabagina lebt heute mit seiner Familie in Brüssel und leitet ein Taxi-Unternehmen. Der britische Regisseur Terry George verfilmte die Geschichte mit Don Cheadle und Sophie Okonedo in den Hauptrollen. Der Film, der für drei Oscars nominiert wurde, läuft ab dem 7. April in den deutschen Kinos.
|  |
|