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NORDKOREA - Auf der Flucht vor dem Hungertod

Den Hungertod vor Augen versuchten in den letzten Jahren immer mehr Menschen, die 1.300 Kilometer lange Grenze nach China und Russland zu überqueren. Ein Großteil der Flüchtlinge strebt nach China, weil dort viele ethnische Koreanerinnen und Koreaner leben. Diejenigen, die ihr Land ohne Erlaubnis verlassen, werden von den Behörden jedoch als "Verräter/innen" und "Kriminelle" betrachtet und haben bei ihrer zwangsweisen Rückführung mit schweren Strafen zu rechnen. In Artikel 47 des Strafgesetzbuches heißt es: "Ein/e Bürger/in, der sich in ein fremdes Land absetzt oder mit der Absicht des Verrates an Land und Volk zum Feind übergeht, soll für mindestens sieben Jahre in ein Umerziehungslager eingewiesen werden. In Fällen, in denen eine Person eine besonders schwere Verfehlung begeht, soll sie zum Tode verurteilt werden."


Waren es bis zum Ende der neunziger Jahre vorwiegend junge Männer, die auf der Suche nach Arbeit nach China kamen, sind es bedingt durch die Hungersnot immer mehr Frauen, Kinder und alte Menschen, die sich auf den – unerlaubten - Weg über die Grenze machen. Werden die Flüchtlinge von chinesischen Sicherheitskräften aufgegriffen, werden sie meist sofort nach Nordkorea abgeschoben. ai liegen verschiedene Berichte vor, aus denen hervorgeht, dass zurückgeschobene Flüchtlinge langen Verhören und der Folter durch die nordkoreanische Polizei ausgesetzt wurden. Viele wurden danach in Gefängnissen oder Arbeitslagern interniert. Besonders harte Strafen drohen geflohenen Mitgliedern der nordkoreanischen Regierung, mutmaßlichen Regierungsgegnerinnen und –gegner sowie Nordkoreanerinnen, die von chinesischen Männern schwanger wurden.




Unmenschliche Bedingungen in „Konzentrationslagern“ und Haftanstalten

Das UNO-Menschenrechtskomitee spricht von "Konzentrationslagern", die Nordkorea in den Bergen an der Grenze zu China eingerichtet hat, um Flüchtlinge dort zu internieren bzw. zu bestrafen.

Der Wachsoldat Lee Yong Kuk, dem die Flucht aus Nordkorea gelungen war, berichtete im Frühjahr 2002 auf einer Pressekonferenz der Organisation "Menschenrechte für Nordkorea" (NKHR) darüber, was er im Lager Yodok Nr. 15 erlebt hatte: Die Versorgungslage sei so schlimm gewesen, dass viele Gefangene an Entkräftung starben. Das Verstecken von Lebensmitteln oder das Sammeln von Esskastanien wurde mit dem Tod bestraft; Folter und Misshandlung waren an der Tagesordnung. Lee Yong Kuk war Zeuge, wie ein Mensch lebendig verbrannt und ein anderer mit einem PKW zu Tode geschleift wurde.

Er erzählte, dass ganze Familien einschließlich ihrer Kinder ins Lager gebracht wurden, wenn einem Familienmitglied die Flucht gelungen war.

Die 54jährige Cho wurde nach ihrer erzwungenen Rückkehr aus China in einem Arbeitslager interniert, wo auch schwangere Frauen von fünf Uhr früh bis zehn Uhr abends in der Ziegelei oder dem Gemüsegarten arbeiten mussten. Essen gab es kaum – diejenigen, die dabei erwischt wurden, wie sie Gemüse für sich versteckten, mussten sich gegenseitig verprügeln. Wenn die Schläge nicht hart genug ausfielen, wurden sie von der Aufsicht verprügelt.

Die Lebensbedingungen in „normalen“ Gefängnissen sind nicht weniger unmenschlich. Die meisten ehemaligen Häftlinge, die ai interviewte, berichteten von komplett überfüllten Haftanstalten, katastrophalen hygienischen Verhältnissen, mangelnder medizinischer Versorgung und konstanter lebensbedrohlicher Unterernährung.

Kim, der 1997 aus China zwangsweise nach Nordkorea rückgeführt und inhaftiert wurde, berichtete davon, dass er während seiner Haftzeit gesehen hatte, wie Menschen an Hunger starben. „Die Polizeistation, in der ich inhaftiert und verhört wurde, war oft überfüllt. Die meisten Häftlinge waren in China gefangen genommen und zurückgebracht worden. Die Zellen hatten an beiden Seiten Eisenstäbe, so konnte man uns von allen Seiten sehen. Es gab keine Fenster. Wir mussten von 5 Uhr früh bis halb 12 Uhr abends regungslos mit gesenkten Köpfen dasitzen. Die Toiletten waren furchtbar... es gab keine separaten Einrichtungen für Frauen. Die Gefangenen mussten die Fäkalien mit den Händen wegräumen... Das Essen bestand aus Kartoffelschalen, Bohnen und Suppe mit ein wenig Kürbis. Wenn man beim Sprechen erwischt wurde, gab es als Strafe Essensentzug. Die Leute waren bei ihrer Entlassung halbtot. Ich dachte auch, dass ich sterben würde. Ich sah, wie Menschen an Unterernährung starben, ich sah, wie sie die Leichen wegbrachten...“

Öffentliche Hinrichtungen

Nach ai vorliegenden Berichten wurden Menschen öffentlich hingerichtet, weil sie Lebensmittel gestohlen hatten oder bei der Nahrungssuche in China aufgegriffen worden waren. Die meisten Hinrichtungen fanden in den schlimmsten Jahren der Hungerkatastrophe zwischen 1996 und 1998 statt, als hungernde Menschen laut Aussage einer in Südkorea stationierten NGO nicht einmal davor zurückschreckten, die nordkoreanische Infrastruktur zu zerstören, wenn sie z.B. Stromleitungen abmontierten, um sie nach China zu verkaufen. Aber auch der Diebstahl bzw. das Schlachten einer Kuh – einem kostbaren landwirtschaftlichen Produktionsgut und wichtigen Transportmittel - galt als Kapitalverbrechen und wurde vielfach mit dem Tod bestraft.

Die Exekutionen wurden mittels Anschlägen angekündigt und auf öffentlichen Plätzen, oft vor ganzen Schulklassen, ausgeführt, um „die Menschen zu lehren, dass Unordnung bestraft wird“. Die meisten nordkoreanischen Kinder, die ai in Südkorea interviewte, hatten in den 1990er Jahren Exekutionen durch Erhängen oder Erschießen mitangesehen – vor der eigentlichen Hinrichtung wurden die Verurteilten brutal geprügelt.

Nach dem Informationsstand von ai sind öffentliche Hinrichtungen in den letzten Jahren zurückgegangen. ai fürchtet jedoch, dass nach wie vor zahlreiche geheime Exekutionen in diversen Hafteinrichtungen stattfinden.

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letzte Aktualisierung: 18. Februar 2004

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