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Länderbericht

Tschad/Sudan

Gewalt aus Darfur greift auf den Tschad über

Janjawid-Milizen aus dem Sudan gehen gegen ethnische Gruppen im Tschad vor

AI Index: AFR 20/006/2006
28. Juni 2006

Übersetzung der Zusammenfassung des englischsprachigen Berichts "Chad/Sudan: Sowing the seeds of Darfur - Ethnic targeting in Chad by Janjawid militias from Sudan"

Im Osten des Tschad zeichnet sich derzeit eine neue Menschenrechtstragödie ab. Sie ist die direkte Folge der fortgesetzten Krise in der Nachbarregion Darfur im Sudan, wo Janjawid-Milizen mit Unterstützung der Regierung systematisch diejenigen ethnischen Gruppen attackieren und vertreiben, die mit bewaffneten Oppositionsgruppen in Verbindung gebracht werden. In Darfur sind die Janjawid verantwortlich für die gewaltsame Vertreibung von über zwei Millionen Menschen und viele Tausende von Toten. Bei ihrem Vorgehen konnten sie häufig auf die Unterstützung der sudanesischen Luftwaffe zurückgreifen. Die rücksichtslosen Kämpfer der Janjawid haben ihre Aktivitäten jetzt auf den Osten des Tschad ausgedehnt. Dort gehen sie gegen unterschiedliche ethnische Gruppen vor, die sich selbst als „Afrikaner“ bezeichnen und sich damit von „Arabern“ abgrenzen wollen. Die Janjawid stehlen deren Vieh und damit ihre Haupteinnahmequelle, vertreiben die Dorfbewohner und zwingen sie zur Flucht oder töten sie.

Entlang der östlichen Grenze des Tschad fallen die Banden der Janjawid in das Land ein und entvölkern ganze Landstriche von den Angehörigen der Dajo, Mobeh, Massalit, Kajaksa und anderer ethnischer Gruppen. Zwar werden bereits seit mindestens 2003 derartige Überfälle gemeldet, aber seit Ende 2005 nehmen sie an Intensität und Brutalität weiter zu, da sich die Beziehungen zwischen den Regierungen des Sudan und des Tschad verschlechtert haben. Zudem schüren die Janjawid mit ihren Angriffen Konflikte zwischen den verschiedenen Gemeinden, da nur bestimmte Dörfer im Tschad für die Angriffe ausgewählt werden – offenkundig aus ökonomischen Gründen oder der ethnischen Zugehörigkeit wegen – während andere Orte verschont bleiben beziehungsweise sich einige Bewohner den Janjawid angeschlossen haben und nun gegen ihre Nachbarn kämpfen.

Die sudanesische Regierung hat trotz ihrer Zusicherungen bislang nichts unternommen, um diese Angriffe zu beenden, den Janjawid Einhalt zu gebieten oder sie zu entwaffnen. Genauso wenig hat sie diejenigen Anführer und Mitglieder der Janjawid, die für schwere Menschrechtsverletzungen verantwortlich sind, ermittelt und vor Gericht gestellt. Vielmehr sichern die sudanesischen Streitkräfte die Grenze zum Tschad nur ungenügend ab und unternehmen auch keine Anstrengungen, die Janjawid am Grenzübertritt zu hindern, sie zu verfolgen oder die Zivilbevölkerung zu schützen. Im Gegenteil, sie unterstützen weiterhin die Janjawid, deren Kämpfer ähnliche Uniformen wie die sudanesische Armee tragen und deren Papiere sie als Angehörige paramilitärischer Kräfte ausweisen. Die Überfälle der Janjawid fallen oft mit den Angriffen gegen die Regierung des Tschad zusammen, die von bewaffneten Oppositionsgruppen ausgeführt werden, die im Sudan Unterschlupf finden. Die Janjawid nutzen dann das Fehlen der Grenztruppen des Tschad, um wehrlose Zivilisten zu überfallen.

Angesichts dieser Bedrohung zieht die Regierung des Tschad es vor, ihre Truppen zur Verteidigung vor Angriffen der bewaffneten Oppositionsgruppen einzusetzen anstatt die Zivilbevölkerung vor den Angriffen der Janjawid zu schützen. Die Regierung hat keine Soldaten an der Ostgrenze des Tschad stationiert, um diese zu sichern und die Gemeinden vor Überfällen der Janjawid zu schützen. Bei drohenden Angriffen bewaffneter oppositioneller Gruppen hat die tschadische Regierung oftmals ihre Truppen aus ländlichen Gegenden abgezogen und somit die Bevölkerung schutzlos den Angriffen der Janjawid ausgesetzt.

Seit September vergangenen Jahres haben die Janjawid mit Angriffen im Osten des Tschad zwischen 50.000 und 75.000 Menschen gewaltsam aus ihren Dörfern vertrieben. Viele dieser Menschen leben als Binnenvertriebene im Tschad, aber mindestens 15.000 haben aufgrund mangelnder Fluchtalternativen – trotz des fortgesetzten Konflikts und der Gewalt in den Provinzen des Westsudan – in Darfur Zuflucht gesucht. Diese Vertriebenen haben so gut wie keinen Zugang zu humanitärer Hilfe, und zumindest im Tschad werden Binnenvertriebene in ungesicherten Flüchtlingslagern untergebracht, wo sie weiterhin Angriffen ausgesetzt sind.

Es überrascht nicht, dass einige ethnische Gruppen im Tschad nun versuchen, sich moderne Waffen zu beschaffen, um sich zu verteidigen. Somit besteht die Gefahr, dass die Gewalt weiter eskaliert. Zudem rekrutiert die bewaffnete Gruppierung „Sudan Liberation Army“ (SLA), die gegen die sudanesische Regierung kämpft, unter anderem Kinder und Jugendliche im Tschad für den bewaffneten Kampf.

Sofortiges Handeln durch die Vereinten Nationen (UN), die Afrikanische Union (AU) und vor allem die beiden beteiligten Regierungen ist vonnöten, wenn diese neue Krise im Osten des Tschad verhindert werden soll. Jede dieser Parteien muss alles in ihrer Macht Stehende tun, um drei entscheidende Ziele zu erreichen: den Schutz der Zivilbevölkerung vor Übergriffen, das Bereitstellen humanitärer Hilfe und den Zugang von Hilfsorganisationen sowie Menschenrechtsbeobachtern zu der Region sowie das Ende jeglicher Menschenrechtsverletzungen sowohl im Sudan als auch im Tschad.


amnesty international

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