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amnesty journal September 2005

CHINA

»Drecksarbeit aus China«

Der Erfolg des Wirtschaftsbooms basiert auch auf den miserablen Arbeitsbedingungen.

Die ganze Welt schaut neidisch auf den Wirtschaftsboom in China – zu Recht?

Das Wirtschaftswachstum und der Modernisierungsprozess, den China seit Beginn der Wirtschaftsreformen Anfang der achtziger Jahre durchgemacht hat, ist enorm. Gleichzeitig haben aber die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten eklatant zugenommen. Der Wirtschaftsboom konzentriert sich auf die Zentren von Hongkong, Shanghai und Peking, während in den Provinzen und im Westen des Landes eine Desindustriealisierung stattfindet, die viele Leute in prekäre Armut treibt. Ein Drittel der chinesischen Bevölkerung wird immer ärmer, fünf Prozent immer reicher. Größte Verliererinnen der wirtschaftlichen Reformen sind die Frauen.

Dann hat die Privatisierung der Wirtschaft die soziale Situation in China eher verschärft?

Insgesamt hat sich der Lebensstandard der Bevölkerung zwar erhöht, doch der soziale Unterschied zwischen den Stadt- und den Landregionen hat sich dramatisch verschärft. Es gibt Schätzungen, die von 160 Millionen überschüssigen Arbeitskräften auf dem Land sprechen – ein Drittel aller ländlichen Arbeitskräfte. Seit die Zugangsbarrieren für die Landbevölkerung in den Städten gelockert wurden, suchen viele deshalb ihr Glück in den urbanen Zentren. Wegen der strikten Stadt-Land-Trennung in China ist ein offizieller Wohnsitzwechsel nicht möglich, weshalb die Migranten in den Städten keine soziale Absicherung, medizinische Versorgung oder Bildung erhalten. Viele leben illegal in den Städten und werden regelmässig Opfer von Zwangsumsiedlungen oder Verhaftungen. Außerdem gibt es viele Unternehmen, die den Status der Migranten bis hin zur Zwangsarbeit ausnützen.

Gibt es in China kein Arbeitsrecht?

Auf dem Papier verfügt China über ein sehr gutes Arbeitsrecht – das Problem ist die Umsetzung. Es bestehen in China zwei parallele Wirtschaftssysteme: Einerseits gibt es nach wie vor Staatsbetriebe, bei denen soziale Sicherungssysteme und der Arbeitsschutz noch relativ umfassend sind. Andererseits entstehen immer mehr Privatunternehmen, die die bestehenden Arbeitsrechte weitgehend ignorieren.

Wieso setzt sich die Regierung nicht stärker für die Umsetzung des Arbeitsrechts ein?

Korruption und Vetternwirtschaft sind in China ein großes Problem. Die lokalen Behörden sind oft eng mit den Unternehmen verstrickt und haben kein Interesse an Kontrollen, die zu einer Profitminderung führen. Auch die Zentralregierung hat kein Interesse, die Wirtschaft durch Eingriffe zu bremsen. Deren Erfolge dienen schließlich, trotz der wachsenden sozialen Ungleichheit, der Legitimation der Regierung. Eine Gegenmacht gibt es nicht, denn unabhängige Gewerkschaften sind in China verboten. Hinzu kommt die riesige Konkurrenz unter den Arbeitern. Viele schweigen lieber, als dass sie sich gegen diese Bedingungen auflehnen, denn vor der Fabrik warten hundert Interessierte auf ihren Job.

Und wie steht es mit den Arbeitsbedingungen in den Exportfirmen?

In den Unternehmen, die für den Export produzieren und der internationalen Konkurrenz ausgesetzt sind, ist die Situation besonders schlecht. Diese Fabriken verfügen oft über wenig Technologie und produzieren sehr arbeitsintensiv. Meist arbeiten dort junge Migrantinnen vom Land. Arbeitstage von zehn oder zwölf Stunden, Massenunterkünfte, Schläge, sexuelle Belästigung und mangelnde Ernährung gehören hier zum Alltag. In den Fabriken der europäischen Unternehmen liegen die Bedingungen in der Regel über dem chinesischen Durchschnitt. Allerdings gibt es auch viele westliche Unternehmen, die sich die Hände reinwaschen, indem sie die »Drecksarbeit« asiatischen Zulieferfirmen übertragen.

Was kaufe ich, wenn ich »Made in China« kaufe?

In der Regel kaufen sie Produkte, die von Arbeitern hergestellt wurden, die offiziell acht Stunden am Tag arbeiten und drei bis vier Überstunden täglich leisten – bei einem Gehalt von maximal 130 Euro pro Monat. Meistens arbeiten sie sechs Tage pro Wochen oder auch sieben, wenn z.B. in der Bekleidungsindustrie eine Kollektion zu einem bestimmten Zeitpunkt fertiggestellt werden muss. Produkte aus China sind für uns vor allem deshalb so billig, weil Arbeitskräfte kaum etwas kosten und die Unternehmen keine Ausgaben für Sozialleistungen und bessere Arbeitsbedingungen haben. Darüber muss sich der Konsument bewusst sein.

Interview: Pascale Schnyder


Antoine Kernen ist China-Experte und promovierter Politologe am Institut für Politikwissenschaften in Paris. Zur Zeit arbeitet er an der Universität Lausanne sowie am Institut Universitaire d’Étude du Développement (IUED) in Genf. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Privatisierung der chinesischen Wirtschaft und deren soziale Auswirkungen.

amnesty international

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