Ungleicher Zugang zu Nahrung
Die nordkoreanische Bevölkerung ist von der Nahrungskrise in unterschiedlichem Ausmaß betroffen. Offenbar ist die städtische Bevölkerung – mit Ausnahme jener der Hauptstadt Pjöngjang – noch stärker von staatlichen Nahrungsrationen abhängig als die ländliche.
Eine in der Stadt wohnende Durchschnittsfamilie musste in den vergangenen zwei Jahren zwischen 75 und 85 Prozent ihres Gesamteinkommens für Nahrungsmittel ausgeben, während dieser Betrag bei bäuerlichen Familien bei nur 33 Prozent lag.
Besonders vom Hunger gefährdet sind auch weit abgelegene Regionen wie die nordöstlichen Provinzen von Nord- und Süd Hamgyong und Kangwon. Aufgrund ihrer Berglage und fehlender landwirtschaftlicher Anbaugebiete waren sie auch schon vor dem Ausbruch der landesweiten Hungersnot von staatlicher Nahrungshilfe abhängig.
Viele werden aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit bzw. dem damit verbundenen sozialen Status diskriminiert und sind daher von der Hungersnot besonders bedroht. Obwohl die nordkoreanische Verfassung allen Bürgerinnen und Bürgern gleiche Rechte gewährleistet, teilt die Regierung die Bevölkerung in drei Klassen ein: Ein Viertel der Bevölkerung gilt als „feindliche Klasse“ und hat den niedrigsten sozialen Status von allen. Darunter sind insbesondere Menschen, die als regierungskritisch gelten oder die Familienangehörige haben, die sich in Haft befinden. Diese Gruppe umfasst auch sogenannte „unreine Elemente“ wie z.B. südkoreanische Kriegsgefangene, die Berichten zufolge während 1953 und 1960, also unmittelbar nach dem Koreakrieg, in weit abgelegenen Bergregionen in Provinzen wie Nord Hamgyong zwangsangesiedelt wurden.
Opfergruppe Frauen
Eine aufgrund der ihnen zugeschriebenen sozialen Rolle besonders vom Hunger belastete Bevölkerungsgruppe sind Frauen, die in Nordkorea traditionell für den Haushalt bzw. die Nahrungsbeschaffung zuständig sind. Tausende verzweifelte Frauen durchstreiften in den letzten Jahren das vom Hunger heimgesuchte Land auf der Suche nach etwas Nahrung für ihre Familie oder wagten die gefährliche – weil verbotene – Reise nach China.
Immer mehr Frauen arbeiten als Prostituierte, um sich und ihre hungernden Familien durchzubringen. Und auch der Handel mit Frauen hat in den letzten Jahren zugenommen: Nordkoreanerinnen werden an chinesische „Brauthändler“ verkauft, die sie nach China an dort lebende koreanische Bauern als Ehefrauen und/oder Arbeitskräfte weiter verkaufen.
Politischer Hintergrund
Gestützt auf die viertgrößte Armee der Welt bzw. die herrschende „Partei der Arbeit Koreas“ regiert Kim Jong-il, der Sohn des Staatsgründers Kim-Il-sung, Nordkorea mit eiserner Hand. Bis heute sind nur wenige Informationen über die genaue Struktur seiner Regierung, das System der Legislative und die Aktivitäten der WPK ins Ausland gedrungen. Das politische System basiert auf kommunistischen Prinzipien bzw. einer „Ideologie des Vertrauens auf die eigenen Kräfte“, die die Unabhängigkeit von der übrigen Welt dogmatisiert. Es gestattet keinerlei Opposition, verhängt strenge Reisebeschränkungen und behält die uneingeschränkte Kontrolle über jede Art von Information.
Nach wie vor sind unabhängige Untersuchungen zu Menschenrechtsfragen unmöglich. Es gibt keine Menschenrechtsorganisationen und keine funktionierende Zivilgesellschaft. Die BürgerInnen sind in der Lage von Gefangenen, die keinerlei Möglichkeit haben, ihre Situation klar einzuschätzen, und die sie weder verändern noch dagegen Protest erheben können. Auch der volle Umfang der Hungerkatastrophe entzieht sich dem Blick der Öffentlichkeit.
International wird das Land vor allem im Zusammenhang mit seinem Atomprogramm mit großer Skepsis betrachtet. Auch wenn in den letzten fünf Jahren diplomatische Beziehungen mit einer zunehmenden Anzahl von Staaten aufgenommen wurden, bleiben die Aktivitäten die internationalen Gemeinschaft in Nordkorea nach wie vor extrem eingeschränkt, auch auf dem Gebiet der Nahrungsmittelhilfe.
Weitere Informationen
Die lautlose Katastrophe (ai-JOURNAL 04/2004)
ai-Pressemitteilung (20.1.2004)
ai-Jahresbericht 2003 / Nordkorea
Bericht in engl. Sprache
letzte Aktualisierung: 1. April 2004