FUSSBALL-WM JAPAN/KOREA
Weder Trost noch Gerechtigkeit für „Trostfrauen“
Hunderttausende von Frauen wurden während des zweiten Weltkrieges vom japanischen Militär zur Prostitution gezwungen. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 200.000 dieser so genannten „Trostfrauen“ aus Korea, aus China, Taiwan und von den Philippinen als Sexsklavinnen japanischen Soldaten ausgeliefert waren. Die Koreanerin Chang Su-wol beschreibt ihr Schicksal als „Trostfrau“ in Japan: „Uns wurde gesagt, wir würden in eine Fabrik gebracht. Ich wurde gezwungen, mich auszuziehen. Ich wehrte mich. Da bedrohte man mich mit einem Schwert in meinem Nacken. Ich kämpfte und mein Finger wurde abgehackt. Ich beschloss, Selbstmord zu begehen, aber die anderen Mädchen überredeten mich, nicht im Ausland zu sterben. Der Chef des Ortes war ein Japaner mit Namen Yoshida. Den ganzen Tag über gab es lange Schlangen von Soldaten. Wenn ich müde und erschöpft war, wurde ich mit Lederriemen geschlagen und angetrieben. Am Tag musste ich die Soldaten bedienen und bei Nacht die Offiziere.“
Nach Kriegsende wurden viele Frauen vom Militär ermordet oder an der Heimkehr gehindert. Diejenigen, die in Lager der Alliierten kamen, konnten nach einiger Zeit in ihre Heimat zurückkehren. Viele von ihnen schwiegen aus Scham über ihre Vergangenheit oder wurden stigmatisiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Bei den Kriegsverbrecherprozessen wurde die Zwangsprostitution nicht thematisiert; auch von einer Entschädigung durch die japanische Regierung war keine Rede. Erst Ende der 80er-Jahre mit der aufkommenden Frauenbewegung in Südkorea kam auch das Schicksal der „Trostfrauen“ wieder ans Licht. Nach und nach meldeten sich ehemalige Zwangsprostitutierte in der Öffentlichkeit zu Wort, und 1992 begannen sie, jeden Mittwoch vor der japanischen Botschaft in Seoul mit den Worten zu protestieren: „Es ist die japanische Regierung, die sich schämen muss, nicht wir!“
Japans Führung hielt sich jedoch bedeckt. 1990 wurde das Thema erstmals im japanischen Parlament behandelt, doch hieß es, eine Entschuldigung oder Entschädigung sei nicht notwendig, weil Privatpersonen und nicht der Staat oder das Militär für die Zwangsprostitution verantwortlich gewesen seien. Es tauchten jedoch Dokumente auf, die die Verantwortung des Militärs eindeutig belegten. Daraufhin entschuldigte sich die Regierung zwar förmlich, lehnte aber eine Entschädigung weiterhin ab. Ende 1995 wurde eine private japanische Stiftung eingerichtet, die die „Trostfrauen“ entschädigen sollte. Die Mehrzahl der Betroffenen lehnt dieses Vorgehen jedoch ab, weil sich der Staat nach ihrer Auffassung damit aus der Verantwortung stehlen will.
Auf internationaler Ebene wurde sexuelle Gewalt gegen Frauen im Krieg erstmals auf der UNO-Menschenrechtskonferenz 1993 in Wien und dann auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking zur Sprache gebracht. Im Februar 1997 veröffentlichte der UNO-Sonderberichterstatter zur Gewalt gegen Frauen einen Bericht, in dem er die japanische Regierung auf ihre Verantwortung gegenüber den „Trostfrauen“ hinwies. Die Regierung in Tokyo wurde aufgefordert, die moralische wie rechtliche Verantwortung für die an den Frauen verübten Menschenrechtsverletzungen zu übernehmen, sich bei ihnen zu entschuldigen, sie finanziell zu entschädigen und diejenigen vor Gericht zu stellen, die Frauen zwangsrekrutiert und misshandelt hatten. Die japanische Regierung reagierte mit scharfer Kritik und wenig Einsicht. Daraufhin initiierten Nichtregierungsorganisationen ein „Internationales Kriegsverbrechertribunal“, das im Dezember 2000 in Tokyo und ein Jahr später in Den Haag tagte. Dem früheren Kaiser Hirohito und neun ranghohen Politikern und Militärs wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen; die japanische Regierung wurde verurteilt, den Opfern eine angemessene Entschädigung zu zahlen, sich offiziell bei den Opfern zu entschuldigen und die japanische Bevölkerung über die Kriegsverbrechen aufzuklären. Die Zeit drängt. Viele Frauen sind über 80 Jahre alt oder bereits gestorben – desgleichen die Täter.
Renate Müller-Wollermann