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amnesty journal Dezember 2004 / Januar 2005

GASTKOMMENTAR

Die Mauer des Schweigens

In diesem Jahr startete ai die Kampagne gegen Gewalt an Frauen. Bianca Jagger beschreibt, warum sie die Aktion unterstützt.

Überall auf der Welt werden Frauen Opfer von Gewalt, ob arm oder reich, jung oder alt, heimlich oder öffentlich, im Krieg oder in Friedenszeiten, unterwegs oder zu Hause. Jede fünfte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer von Vergewaltigung oder versuchter Vergewaltigung, und 70 Prozent der weiblichen Mordopfer werden von ihren männlichen Partnern umgebracht.

Vor zwei Jahren war ich zum Internationalen Frauentag in Kabul, um die Bemühungen afghanischer Frauen zu unterstützen, ihre Rechte in der Gesellschaft wieder zu behaupten. Während meines Besuchs sah ich die verheerenden Folgen, die der über 20-jährige Konflikt für ihr Leben hatte. Die Frauen mussten während dieser Zeit Gewalt und Diskriminierung sowie massive, systematische Menschenrechtsverletzungen ertragen.

Nachdem die Taliban an die Macht gekommen waren, wurden Frauen und Mädchen praktisch unsichtbar. Sie durften keine Schulen besuchen, nahezu keiner Arbeit nachgehen und nur von Ärztinnen behandelt werden. Die Anzahl praktizierender Ärztinnen sank jedoch, und der Zugang von Frauen und Mädchen zu medizinischer Versorgung war kaum gegeben.

Besonders gefährdet sind Frauen in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen. Im Februar 1993 reiste ich zwei Wochen mit Vertretern des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) durch Bosnien und Kroatien, um die Massenvergewaltigungen von Frauen zu dokumentieren. Hunderte von Frauen berichteten in Flüchtlingslagern und geheimen Orten von Mord, systematischer Vergewaltigung und Misshandlung - mittlerweile werden diese vom Völkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft.

Die massive Gewaltanwendung gegen Frauen sollte nicht nur die Moral des Feindes brechen, sondern diesen auch physisch dezimieren - Gewalt gegen Frauen wurde gezielt als Kriegswaffe eingesetzt. Die Zahl der Vergewaltigungen wird auf Zehntausende geschätzt.

Dieses Jahr war der zehnte Jahrestag des Völkermords in Ruanda, wo über 800.000 Menschen umgebracht und etwa 500.000 Frauen vergewaltigt wurden. Wir sollten nicht vergessen, dass sexuelle Verbrechen gegen Frauen in kriegerischen Auseinandersetzungen überall auf der Welt gang und gäbe sind. Auch in der Familie eskaliert die Gewalt, wenn die Soldaten nach Hause zurückkehren. Ihr Zuhause ist für viele Frauen weiterhin der gefährlichste Ort.

In Großbritannien erhält die Polizei jede Minute einen Anruf wegen häuslicher Gewalt. Mindestens zwei Frauen werden pro Woche von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht. In den USA wird alle 15 Sekunden eine Frau vergewaltigt und eine weitere von ihrem Partner brutal geschlagen. Keine einzige Regierung auf der Welt bietet angemessenen Schutz der Rechte der Frauen oder hat alle notwendigen Maßnahmen getroffen, um Frauen wirksam vor ihren Ehemännern, Partnern und Verwandten zu schützen. In mehr als 140 Ländern wird Vergewaltigung in der Ehe nicht als Verbrechen behandelt. In 79 Ländern gibt es keine Gesetze in Bezug auf häusliche Gewalt, und mindestens 54 Länder haben Gesetze, die Frauen diskriminieren.

Allzu oft sind die Opfer häuslicher Gewalt von einer Mauer des Schweigens umgeben und können nicht über das sprechen, was ihnen geschieht. Viele Frauen schämen sich und haben Angst, davon zu berichten, und wenn sie es tun, werden sie selten ernst genommen. In diesem Jahr hat amnesty international ihre bislang größte Kampagne begonnen, die das Ende der Gewalt gegen Frauen zum Ziel hat.

Frauen sind besonders stark von Mängeln im sozialen Bereich betroffen. Sie sind die ersten, denen der Zugang zum Schulbesuch und zu medizinischer Versorgung verwehrt wird. Weltweit sind Frauen ärmer als Männer. Analphabetismus und Armut beeinträchtigen in hohem Maße die Fähigkeit von Frauen, sich zu organisieren und Veränderungen zu erstreiten.

Vor kurzem besuchte ich Kalkutta, wo ich mit vielen Frauen und Kindern aus dem Rotlichtviertel gesprochen habe, die keine Möglichkeit zur Verwendung von Kondomen haben. Ich war dort zusammen mit Hilfsorganisationen, die sich um Prostituierte und Kinder kümmern, die illegal gehandelt und sexuell ausgebeutet worden sind. Ich besuchte eines der Mädchenheime, in dem sich 48 Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren befanden, die von der Polizei gerettet worden waren.

Kinder, die gerettet werden, müssen einen obligatorischen AIDS-Test machen, und 28 der 48 Mädchen waren bereits mit HIV/AIDS infiziert. Ihre erschütternden Geschichten handeln von Misshandlung, Grausamkeit und Vertrauensbruch. Eines der Mädchen sah sehr verstört aus und berichtete schließlich von krank aussehenden Männern, deren Körper mit weißen Krusten überzogen waren und die die Dienste der Mädchen im Bordell verlangten. Die jungen Mädchen hatten Angst, sich mit HIV/AIDS zu infizieren, doch wenn sie sich weigerten, mit den Männern zu schlafen, wurden sie misshandelt, geschlagen und mit Zigaretten verbrannt. Wenn die Mädchen entkommen können und bei der Polizei Schutz suchen, werden sie oftmals ins Bordell zurückgebracht, da die Betreiber die Polizei bestochen haben, und wenn sie zurück in ihre Dörfer gehen, wollen ihre Väter sie nicht mehr bei sich aufnehmen.

Die Regierungen unternehmen nichts, um gegen den wahren „Terror“ vorzugehen, mit dem Millionen Mädchen und Frauen jeden Tag konfrontiert sind. Obwohl Gewalt gegen Frauen überall verbreitet ist, ist sie jedoch nicht unvermeidlich. Auf der ganzen Welt finden Frauen den Mut, ihre Stimme dagegen zu erheben und sich zu organisieren.

In Kabul traf ich einige der vielen Frauen, die sechs Jahre lang heimlich friedlichen Widerstand gegen das Taliban-Regime geleistet haben, etwa in der lokalen Organisation „Community Forum“. Sie zeigten mir, wie sie Kabul in 18 Zonen à 2000 Menschen eingeteilt hatten. Sie hatten Zeichnungen und Karten erstellt, auf denen die Standorte von Frauen verzeichnet waren, die grundlegende Dienstleistungen für Frauen erbrachten: Ärztinnen, Krankenschwestern, Hebammen, Lehrerinnen und andere. Diese mutigen Frauen hatten ein aufwändiges Netzwerk entwickelt, das mit Rückendeckung der Frauen direkt vor den Augen der Taliban agierte.

Gewalt gegen Frauen findet jedoch nicht nur in fernen Ländern statt, sondern auch hier bei uns. Es passiert nicht nur anderen, es kann jeder passieren. Und es wird kein Ende nehmen, bis endlich alle, Männer wie Frauen sagen: „NEIN, ich werde das nicht zulassen“. Wenn wir stumm bleiben und nicht über diese Verbrechen sprechen, machen wir uns zu Komplizen und helfen, sie zu vertuschen.

Übersetzung: Birgit Stegmayer

amnesty international

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