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amnesty journal Juni 2002

FUSSBALLl-WM JAPAN/KOREA

Todesstrafe in Japan

Die Fußballweltmeisterschaft wird unter anderem in den japanischen Städten Sapporo, Yokohama und Osaka ausgetragen. In den Gefängnissen dieser drei Städte warten zahlreiche zum Tode verurteilte Gefangene auf ihre Hinrichtung. Und das zum Teil seit Jahrzehnten und unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Japan ist neben den USA der einzige westliche Industriestaat, in dem die Todesstrafe verhängt und vollstreckt wird. Im vergangenen Jahr wurden mindestens zehn Menschen zum Tode verurteilt und zwei hingerichtet. Die Regierung praktiziert eine Politik der Geheimhaltung und veröffentlicht keine Statistiken über die Anwendung der Todesstrafe. Dennoch gibt es in Japan eine öffentliche Diskussion über die Todesstrafe. Anhänger und Gegner finden sich in allen politischen Lagern.

Besonders bemerkenswert sind Stellungnahmen von Menschen, die direkt mit der Todesstrafe in Berührung kommen, wie zum Beispiel Richter oder Gefängnispersonal. Allerdings äußern sich viele erst nach dem Ausscheiden aus dem Dienst zu diesem Problem. So berichtet der ehemalige Richter Fujisaki Akira: „Ich habe bislang zwei Todesurteile ausgesprochen. Es gibt auch Richter, die in ihrer ganzen Amtszeit kein einziges Todesurteil verhängen. In der Tat gibt es nichts Unangenehmeres, als Todesurteile auszusprechen. Manchmal frage ich mich, warum ich einen solch schicksalhaften Beruf ergriffen habe. In dem Augenblick, in dem ich über einen bestimmten jungen Angeklagten die Todesstrafe verhängte, wurde er ganz blass, er ließ den Kopf hängen. Dies zu sehen war bemitleidenswert. Er schien eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erwartet zu haben.“

Und der frühere Richter Mitsui Akira meint: „ Die Todesstrafe ist grässlich und unangenehm. Wenn es sich nicht um einen Fall handelt, in dem ein jeder meint, dass es nichts anderes als die Todesstrafe geben kann, muss es diese Strafe nicht geben. Ich finde, dass Todesurteile möglichst vermieden werden müssen. Aber solange sie im Gesetz vorgesehen sind, können sie von den Richtern nicht umgangen werden. Ich selbst habe zwei Todesurteile ausgesprochen. In einem Falle hatte ein junger Mann eine Beziehung mit einer Prostituierten aus dem Rotlichtmilieu Osakas. Er wollte sie heiraten, aber seine Eltern und Geschwister waren strikt dagegen. Deshalb ermordete er sieben Menschen. Sein Anwalt beantragte ein psychiatrisches Gutachten, der Staatsanwalt hielt dies für unnötig. Ich war damals Beisitzer und dachte, dass ein Todesurteil unvermeidlich sei. Hätte man ein psychiatrisches Gutachten anfertigen lassen und hätte der Angeklagte sich als geisteskrank herausgestellt, wäre der Fall nur komplizierter geworden. Da es ohnehin ein Todesurteil gibt, dachte ich, ist es besser, auf ein schlechtes Gutachten zu verzichten. Am Ende wurde der Antrag auf ein Gutachten abgewiesen und der Angeklagte zum Tode verurteilt. Heute denke ich, man hätte ein Gutachten machen müssen. Die Reue bleibt.“

Noch größere Gewissensprobleme als die Richter haben die Henker. Viele jüngere Gefängnisaufseher wissen nicht, dass die Vollstreckung von Todesurteilen zu ihren Dienstpflichten gehört. Bei ihrer ersten Exekution erleiden sie dann einen Schock, denn sie sehen ihre Aufgabe in der Besserung eines Verbrechers, nicht in seiner Tötung. Ein Gefängnisaufseher erzählt: „Als ich einem Verurteilten die Schlinge um den Hals legte, stieß er hervor: ‚Wenn du mich tötest, wird meine Haut zu Asche. Komm nur her, bring mich um.‘ Es gibt aber auch ruhige Verurteilte. Einer, der kaum lesen konnte, kam Psalmen singend zum Galgen. Ich konnte kaum die Tränen unterdrücken. Warum muss man das Leben eines Menschen, dessen Herz so rein geworden ist, so gnadenlos nehmen? Bis heute habe ich 27 Menschen gerichtet. Diese Dienstpflicht, traurige, widerstandslose Menschen zu töten, ist ein schrecklicher Fluch.“

Und der ehemalige Leiter der Jugendvollzugsanstalt von Odawara, der selbst an 78 Hinrichtungen teilgenommen hat, sagt über die Stellung der Gefängnisaufseher als Henker: „Auch ich habe die Todesstrafe vollstreckt. Niemand, der nicht selbst einmal dabei war, kann das verstehen. Ich war bei 78 Hinrichtungen dabei und bin 78-mal gerichtet worden. Wenn man mich noch einmal auffordern würde, an einer Hinrichtung teilzunehmen, würde ich es nicht tun.“

Eigentlich verstehen sich die Gefängnisaufseher als Erzieher und nicht als Henker, was zu einem Dilemma führt, wie der ehemalige Direktor des Gefängnisses in Osaka deutlich macht: „Die Pflicht der Aufseher ist die Besserung und Rehabilitation der Verurteilten, sie sollen sie zu guten Bürgern machen. Daher sagen sie von sich selbst meist, sie seien Erzieher und sind mit Stolz bei der Arbeit. Aber gegenüber der Höchststrafe kann diese Mission als Erzieher nicht Bestand haben. Was für eine Art von Erziehung ist denn das, Menschen das Leben zu nehmen? Erziehung und Todesstrafe – ich war mit diesen beiden entgegengesetzten Tatsachen direkt konfrontiert und bin voller Kummer über diesen großen Widerspruch. Solange die Todesstrafe existiert und solange wir Wächter und Erzieher diese vollstrecken müssen, sind wir behelfsweise Henker, was unserer Aufgabe als Erzieher widerspricht. Natürlich möchten wir, dass die Todesstrafe abgeschafft wird.“

Mindestens 118 Menschen befinden sich nach Informationen von amnesty international derzeit in den Todestrakten. Die Haftbedingungen dort sind menschenunwürdig. Viele Gefangene sind bereits seit zehn Jahren oder länger in Einzelhaft. Ihr Kontakt zur Außenwelt ist eingeschränkt, Kontakt zu anderen Häftlingen haben sie nicht. Sie müssen jederzeit mit der Vollstreckung ihres Todesurteils rechnen, da Gefangene üblicherweise erst wenige Stunden vor der Hinrichtung davon in Kenntnis gesetzt und ihnen jegliche vorherige Kontaktaufnahme mit Angehörigen oder Anwälten verweigert wird.

Renate Müller-Wollermann

Die Autorin ist Sprecherin der Japan-Kogruppe der deutschen ai-Sektion

amnesty international

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