BÜCHER
Genese einer Krisenregion
Ostafrika kommt nicht zur Ruhe. Die neuen Machthaber in der Demokratischen Republik Kongo scheren sich nicht im geringsten um Menschenrechte. UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat resigniert eine Untersuchungskommission abgezogen, die das Verbleiben von 180.000 "Verschwundenen" aufklären sollte. Zugleich verschärft sich der Bürgerkrieg in den Nachbarländern Ruanda und Burundi wieder. Wie aber ist es soweit gekommen? Welche Möglichkeiten für eine ausländische Intervention haben bestanden, welche wurden verpaßt? Helmut Strizek hat mit seiner neuesten Studie einen Ansatz formuliert, der die Verschiebungen im Machtgefälle seit dem Sturz von Zaires Staatschef Mobutu in die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Länder einordnet. Die Stärke dieses Buches liegt vor allem in der Kompaktheit seiner Darstellung, auch wenn man sich über einzelne Aspekte noch mehr Informationen gewünscht hätte.
Frank Eckardt
Helmut Strizek: Kongo/Zaire - Ruanda - Burundi. Weltforum Verlag, Köln, S. 245.
Frauenrechte als Menschenrechte
Im Abschlußdokument der Wiener Weltmenschenrechtskonferenz von 1993 nehmen die Menschenrechte von Frauen erstmals einen zentralen Raum ein. In ihrer Dissertation hat die Juristin Angelika Mlinar dies zum Anlaß genommen, die Geschichte der Menschenrechte unter frauenspezifischen Aspekten zu analysieren sowie bestehende Regeln des Völkerrechts zu hinterfragen. Sie zeigt dabei die Entwicklung des Stellenwerts von Frauen im Menschenrechtskonzept auf und kommt zu der Erkenntnis, daß immer noch zu wenig getan wird. Mit ihrem Buch möchte sie einen Beitrag leisten, damit das Menschenrechtskonzept den Bedürfnissen der Frauen angepaßt wird.
Erst Mitte der 90er Jahre ist das bisherige Menschenrechtskonzept in der Frage privater und staatlicher Gewalt in Bewegung geraten. Bis 1993 wurde nur von staatlicher Seite an Frauen begangene Gewalt, nicht aber die im privaten Bereich verübte als Menschenrechtsverletzung angesehen. Frauen werden jedoch gerade in ihrer häuslichen, familiären Umgebung mit gewalttätigen Übergriffen konfrontiert. Danach wurden von den Mitgliedstaaten der UNO jedoch zwei Erklärungen verabschiedet, die Maßnahmen gegen alle an Frauen verübte Gewaltformen fordert. Die Frauenkonvention ist aber immer noch völkerrechtlich das einzige, alle Staaten zu Aktivitäten zum Schutz von Frauen vor Gewalttaten im privaten sowie öffentlichen Raum, verpflichtende Dokument. Es bleibt also zur Verbesserung der Frauenrechte noch viel zu tun.
Susanne Reichinger
Angelika Mlinar. Frauenrechte als Menschenrechte. Peter Lang Verlag, Frankfurt 1997.
Würdelose Siedlung
Einen "Staat im Staate" beschreibt Gero Gemballa, Buchautor und Fernsehjournalist, in seinem jüngsten Buch über die Colonia Dignidad. Die Deutschensiedlung in Südchile ist zum wiederholten Male Gegenstand von Gemballas Recherchen geworden. Mit "Unter deutschen Dächern" hatte er schon vor zehn Jahren die Foltervorwürfe gegen die Siedlung untersucht, wegen der die Kolonie einen jahrzehntelangen Rechtsstreit gegen amnesty international geführt - und im vergangenen Jahr endlich verloren hatte.
Das neue Buch widmet sich der Geschichte der Deutschensiedlung, ihren Wurzeln, ihren zahlreichen Skandalen und ihren - deutschen und chilenischen - Freunden, die es geschafft haben, daß Paul Schäfer und seine Mannen bis heute nahezu ungescholten ihren schmutzigen Geschäften nachgehen können. Detailliert wird der Terror der Führung gegen die Mitglieder beschrieben, auch die Folter des früheren chilenischen Geheimdienstes unter der Militärdiktatur kommt zur Sprache. Hauptthema Gemballas sind aber die deutschen Tugenden, die das Lager so stark werden ließen sowie die Zukunft der Kolonie, die sich immer neuen Vorwürfen und polizeilichen Durchsuchungen ausgesetzt sieht. Neue Nahrung erhalten die - leider auch in diesem Buch nicht bewiesenen - zusätzlichen Gerüchte um die Siedlung, die sich mit Waffenhandel, medizinischen Experimenten, künstlicher Befruchtung sowie mit dem Verstecken von Alt-Nazis auf dem Gelände beschäftigen. Wenn die Colonia Dignidad tatsächlich einmal ausgehoben werden sollte, werden vermutlich noch so manche Überraschungen und Skandale ans Tageslicht kommen. Aber wann wird das sein?
Erwin Claus
Gero Gemballa: Colonia Dignidad - Ein Reporter auf den Spuren eines deutschen Skandals. Campus Verlag, Frankfurt 1998, 216 Seiten.
Zensur in Deutschland
Daß es Zensur nicht nur in Diktaturen, sondern auch im demokratischen Rechtsstaat gibt, zeigt Roland Seim in seiner umfassenden Dissertation über die Medienfreiheit. Nach einer langen historischen und theoretischen Einführung werden die deutsche Gesetzgebung und ihre problematischen Vorschriften beschrieben: Verleumdung, Gotteslästerung, Gewaltverherrlichung oder Pornographie können laut Gesetz die Meinungsfreiheit einschränken. Ausführlich wird dann auf staatliche Eingriffe eingegangen, an den Problembereichen "Kinderpornographie" und "Nazi-Propaganda" zeigt Seim die Probleme eines strikten Zensurverbotes auf. Ein ausführliches Werk - bei mehr als 1500 Fußnoten und über 100 Seiten Literaturangaben aber nicht gerade ein Lesegenuß.
ec
Roland Seim: Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen, Telos Verlag, Münster 1997, 558 Seiten.