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amnesty journal November 2001

WOLE SOYINKA - SCHWERE LASTEN

Als Wole Soyinka 1986 den Literaturnobelpreis bekam, kannte im Westen so gut wie niemand seinen Namen. Inzwischen gehört der 67-jährige Nigerianer nicht nur zu den bekanntesten Schriftstellern Afrikas, geschätzt wird er auch, weil er sich immer wieder zu aktuellen Fragen zu Wort meldet. Sein jüngstes, jetzt auf deutsch erschienenes Buch ist eine solche Intervention. Unter dem Titel “Die Last des Erinnerns” beschäftigt sich Soyinka in essayistischer Form mit Fragen historischer Schuld und den Möglichkeiten ihrer Aufarbeitung. Er wolle, so der Autor im Vorwort, dazu beitragen, Mechanismen zu entwickeln “für die begleitende Mission des Heilens, des Versöhnens, aber auch der Wiedergutmachung”.

Wie der Untertitel “Was Europa Afrika schuldet – und was Afrika sich selber schuldet” bereits andeutet, geht es Wole Soyinka um zwei Erblasten: Zum einen um die Folgen des Kolonialismus und des Sklavenhandels, unter denen Afrika bis heute leidet. Hier sieht er die ehemaligen Kolonialmächte eindeutig in der Pflicht, ihre Verbrechen anzuerkennen und “sowohl moralische als auch materielle Wiedergutmachung zu leisten”. Sei es in Form eines umfassenden Schuldenerlasses, sei es in Form der Rückgabe geraubter Kulturgüter.

Der zweite Bereich betrifft Afrikas jüngste Vergangenheit, den Umgang mit Diktaturen und Völkermord auf dem Kontinent. Ausgehend von der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission und ihrem nigerianischen Pendant, dem Oputa-Ausschuss, diskutiert Soyinka das Verhältnis von Wahrheit, Versöhnung und Wiedergutmachung. Es sei zweifellos notwendig, die Wunden der Vergangenheit zu heilen, so Soyinka. Eine Amnestie für die Täter lehnt er jedoch strikt ab, weil dies die „Inthronisierung eines Kults der Straflosigkeit” bedeuten würde. Auch hier fordert er Wiedergutmachung, denn die Last der Vergangenheit dürfe nicht allein den Opfern aufgebürdet werden.

Wahrheit und Versöhnung seien zwar zwei “tragende Säulen”, so das Credo Soyinkas. Allein sind sie seiner Ansicht nach jedoch unvollständig: “Den notwendigen Schlussstein – und sei es nur als symbolische Opfergabe – bildet die Wiedergutmachung.”

Wera Reusch

Wole Soyinka: Die Last des Erinnerns. Was Europa Afrika schuldet – und was Afrika sich selbst schuldet. Aus dem Englischen von Gerd Meuer. Patmos Verlag, Düsseldorf 2001, 150 Seiten, 29,80 DM.

INTERVIEW

„Ich bin Realist“

ai-Journal: In ihrer schriftstellerischen Arbeit beschäftigen Sie sich seit Jahren mit dem Phänomen der Macht. Sind Sie pessimistisch, was die Zukunft der Menschheit betrifft?

Wole Soyinka: Ich bin realistisch, beobachtend. Und ich frage mich, warum ist dieses Phänomen so verbreitet? Warum werden Kriege geführt, die Menschheit unterdrückt? Ideologie wird so zum Vorwand für Dominanz, auch demokratische oder weltliche Ideologie. Trotz unterschiedlicher Wertsysteme gibt es einen seltsamen Instinkt, andere dominieren zu wollen. Das jüngste Beispiel auf unserem Kontinent ist Mugabe, der Präsident von Simbabwe. Früher war er in der Unabhängigkeitsbewegung aktiv, jetzt wendet er sich gegen sein eigenes Volk und spielt die Rassenkarte aus, nur um an der Macht zu bleiben. Weshalb geschieht das? Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Alles was ich tun kann, ist, es aufzuzeigen. Macht ist ein Thema, zu dem ich immer wieder zurückkehren werden, weil Gewalt nie verschwinden wird.

Unterstützen Sie die Forderung, der Westen solle sich bei Afrika für den Sklavenhandel entschuldigen?

Unbedingt, das ist äußerst wichtig. Weshalb ist es so schwer, diese Verbrechen an afrikanischen Völkern einzugestehen, und sei es nur symbolisch? Zwar gibt es auch heute sklavenähnliche Verhältnisse, wie zum Beispiel den Frauenhandel. Aber in der Geschichte gibt es nur ein Volk, das angeblich von Natur aus für die Sklaverei geschaffen war. Ich bin überzeugt, dieses demütigende Kapitel wird erst dann abgeschlossen sein, wenn eine Entschuldigung stattfindet.

In Nigeria hat die demokratische Regierung den Oputa-Ausschuss eingesetzt, um Menschenrechtsverletzungen aus den Jahren 1966 bis 1999 zu untersuchen.

Ich bin froh, dass Sie erwähnen, dass das Gremium nicht von außen auferlegt wurde. Oputa ist ein positiver Schritt. Im Grunde ist der Ausschuss uns, der Demokratiebewegung, zu verdanken. Olusegun Obansajos Regierung hatte gar keine andere Wahl. Jetzt braucht Oputa die bedingungslose Unterstützung der Justiz und eine verfassungsrechtliche Anerkennung. Vor allem aber muss die Bevölkerung das Gremium als ein notwendiges Mittel der nationalen Heilung anerkennen. Deshalb muss Wiedergutmachung seine wichtigste Aufgabe sein. Es gibt einige hohe Beamte, die für Menschenrechtsverletzungen in der Vergangenheit verantwortlich sind, die jetzt nicht aussagen wollen. Sollten sie damit durchkommen, wäre die Idee des Oputa-Ausschusses zerstört. Er darf nicht nach dem Prinzip der Straffreiheit funktionieren. Ohne ein Ende der Straffreiheit kann man jedenfalls nicht von Demokratie sprechen.

Interview: Anna Wegelin

amnesty international

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