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amnesty journal Mai 2005

BEFREIUNG VOM NATIONALSOZIALISMUS

Sprung in die Freiheit

Der ehemalige KZ-Häftling Martin Löwenberg ist bis heute aktiv gegen Rassismus und Neonazis. Ein Portrait von Anton Landgraf und Ferdinand Muggenthaler

Am 8. Mai 1945 springt Martin Löwenberg in die Elbe. Gerade hat die Rote Armee das Außenlager Leitmeritz befreit. In einer unterirdischen Fabrik musste Löwenberg hier für die deutsche Rüstungsindustrie arbeiten. Als ersten Akt seiner wieder gewonnenen Freiheit durchschwimmt der 20jährige den Fluss.

»Dieser Tag ist mir heilig«, sagt der heute 79jährige. Wenn er davon erzählt, spürt man immer noch die Aufbruchstimmung, die ihn damals erfüllte. Freilich kam zur Freude über die zurückgewonnene Freiheit die Trauer. Unzählige Lagerinsassen hatten das Ende der Nazi-Herrschaft nicht mehr erlebt. Im Frühjahr 1945 war das Lager hoffnungslos überbelegt – Tausende weiterer Häftlinge waren auf Todesmärschen aus anderen Lagern, darunter aus Auschwitz, hierher verschleppt worden. Nach der Befreiung starben noch Hunderte an Entkräftung und Krankheiten.

Mit dem 8. Mai 1945 endete für Löwenberg eine jahrelange Tortur. Wegen seines jüdischen Vaters, einem aktiven Sozialdemokraten und Gewerkschafter, kam er kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten in Konflikt mit den so genannten Rassegesetzen. Er musste seine Lehre abbrechen, erlebte 1938, wie die Synagogen brannten, jüdische Geschäfte geplündert und Menschen gejagt wurden. Alle seine jüdischen Verwandten wurden deportiert und kamen später in den Vernichtungslagern um.

In dieser Zeit »hat mich besonders mein Bruder Fred stark beeinflusst«, erzählt er. Als 17jähriger begann Martin Löwenberg gemeinsam mit seinem älteren Bruder heimlich Lebensmittelkarten an Zwangsarbeiter zu verteilen. Doch schon bald wurde sein Bruder verhaftet. Martin Löwenberg machte trotzdem weiter und landete 1944 selbst im KZ.

Nach der Befreiung begann sein zweites Leben. »Natürlich waren die Alltagssorgen direkt sehr bedrückend«, erzählt Löwenberg, »doch die Erleichterung über das Kriegsende überwog« – und das Gefühl, jetzt die Chance zum Aufbau einer neuen Gesellschaft nutzen zu wollen. Zunächst wurde er in Weißenfels in Sachsen-Anhalt Jugendbeauftragter des antifaschistischen Ausschusses. Er organisierte sowohl Ernteeinsätze und die Wiedereröffnung der Schulen, immer mit der Vision einer demokratischen Gesellschaft. Er wollte »den Schutt in den Herzen und in den Köpfen« wegräumen.

Noch heute schwärmt er von dieser Zeit. »Die ehemaligen Häftlinge waren die aktivsten beim Wiederaufbau. Wir hatten soviel Elan und Schwung – wir wollten ja ein anderes, ein besseres Deutschland gestalten.« Im Juni 1945 gründete er mit anderen die »Vereinigung der Verfolgten des Nazisregimes« (VVN) uns engagierte sich später bei der Gewerkschaft Handel Banken und Versicherungen (HBV).

1947 ging er nach Bayern, wo seine Mutter untergebracht war und ließ sich schließlich in München nieder. Auch im Westen blieb er politisch aktiv und wurde 1958 deshalb wieder inhaftiert. Wegen Mitgliedschaft in einer angeblichen Tarnorganisation der kurz zuvor verbotenen KPD verbringt er acht Monate in Einzelhaft in München-Stadelheim.

Doch auch davon ließ er sich nicht abschrecken. Das Ziel schien ihm nach dem Erlebten zu wichtig: ein radikaler Bruch mit der militaristischen Vergangenheit und der Aufbau einer neuen, demokratischen Gesellschaft. »Wir wollten die rassistische und antisemitische Ideologie bekämpfen. Wir wollten, dass die Militarisierung aus dem öffentlichen Leben verschwindet, aus den Ämtern und den Schulen. Dieser Kadavergehorsam, der so tief verwurzelt war bei den Deutschen.«

Bis heute hat Martin Löwenberg diesen Kampf um die Köpfe nie aufgegeben, obwohl er oft auch in seinem Bekanntenkreis auf Unverständnis stößt. So steht für ihn nie in Frage, dass der 8. Mai der Tag der Befreiung ist. Wie auch? Für ihn öffneten sich an diesem Tag buchstäblich die Tore zur Freiheit. Doch »wir waren eine Minderheit, die den 8. Mai als Befreiung Europas vom Faschismus angesehen haben.« Erst mit der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1985 änderte sich die Wahrnehmung dieses Datums.

»Diese Rede hat uns die Arbeit schon leichter gemacht«, erinnert sich Löwenberg und zitiert seinen Lieblingssatz aus Weizsäckers Ansprache: »Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.« Dass diese Gefahren nach wie vor präsent sind, erlebt der kämpferische Rentner öfter, als ihm lieb ist. So bei einem Infostand für die Doppelte Staatsbürgerschaft in München, wo »wir alten Leute darum kämpfen mussten, dass unser Transparent nicht von den wütenden Passanten zerrissen wurde«.

Als im November 2002 Neonazis durch die Münchner Innenstadt marschieren wollten, sagt der damals 77jährige auf einer Kundgebung: »Verhindern wir gemeinsam den Aufmarsch von alten und neuen Nazis.« Diesen Satz verstand das Amtsgericht als »öffentliche Aufforderung zur Straftat« und verurteilte Löwenberg zu einer Geldstrafe. Gegen einen der Organisatoren des Nazi-Aufmarsches ermittelte wenig später die Staatsanwaltschaft – er hatte einen Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung für ein neues jüdisches Gemeindezentrum in München geplant.

Wenn er heute überlegt, was aus den einstigen Visionen geworden ist, fällt Löwenbergs Urteil ernüchternd aus. »Wir haben uns damals nicht vorstellen können, dass es wieder soviel Rassismus geben würde, dass Neonazis wieder auf der Straße marschieren dürfen. Damals fanden wir es selbstverständlich, dass es kein Militär mehr in Deutschland geben wird. Und heute ist es selbstverständlich, dass wir wieder Kriege führen können.«

Doch den Kampf aufgeben, das kommt für Löwenberg nicht in Frage. Anfang April ruft er wieder zu einer Demonstration auf – gegen einen Nazi-Aufmarsch in München. »Nach meinem Aufruf sagten Bekannte zu mir: Du gibtst ja keine Ruhe – aber recht hast Du.« Unwillkürlich fragt man sich, woher Löwenberg seine Kraft nimmt und muss an den Sprung in die Elbe denken. Schon plant er den nächsten Termin: Den 8. Mai. Über die Frage, was da zu tun sei, muss er nicht lange nachdenken. »Da machen wir ein großes Fest«, erklärt er und lacht.



Am 12. Dezember 2004 bekam Martin Löwenberg die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen. »Stellvertretend für viele, die aktiv gegen das Naziregime gekämpft hatten«, heißt es in der Begründung, und die sich »weiter aktiv gegen Rassismus und Neonazismus engagieren«.

amnesty international

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