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Asyl - Gutachten


Verwaltungsgericht Wiesbaden
1. Kammer
z.Hd. Frau Jakobi
Postfach 57 66
65047 Wiesbaden





Ihre Nachricht vomIhr ZeichenUnser ZeichenBonn, den
199509281/1 E 30768/95EUR 44I-95.58407/08/1997


          Verwaltungsstreitsache eines türkischen Staatsangehörigen

          Sehr geehrte Frau Jakobi,
          Ihre Anfrage vom 28.09.1995 sowie Ihr Schreiben vom 05.02.1997 haben wir erhalten.
          Wir möchten uns nochmals für die verspätete Bearbeitung Ihrer Anfrage entschuldigen; auf-grund von strukturellen und personellen Veränderungen war uns eine zügigere Beantwortung Ihrer Fragen leider nicht möglich. Wir haben in den vergangenen Wochen einige Anstrengun-gen unternommen, um den personellen Engpaß bei der Bearbeitung der Gutachtenanfragen zur Türkei zu beheben. Wir werden uns bemühen, in Zukunft unsere Stellungnahmen schnel-ler abzugeben.
          Vor der Beantwortung Ihrer Fragen erlauben wir uns, einige grundsätzliche Anmerkungen zu der vorliegenden Stellungnahme unserer Organisation zu machen:
          Im Zentrum des Arbeitsgebietes unserer Organisation steht die Beobachtung und Recherche einer Auswahl von Menschenrechtsverletzungen, zu denen politische Haft, Folter, Todes-strafe, extralegale Hinrichtungen und Verschwindenlassen zählen. Tätliche Übergriffe von Seiten Dritter fallen in das Arbeitsgebiet unserer Organisation, wenn sie von staatlicher Seite ange-ordnet, gebilligt oder geduldet werden. Andere mögliche Tatbestände von Verfolgung, wie bspw. staatlich angeordnete oder geduldete Diskriminierung unterhalb dieser Schwelle, ebenso wie Übergriffe von Seiten der Bevölkerung oder die ökonomischen Verhältnisse von Einzelpersonen oder Gruppen liegen außerhalb des Mandates unserer Organisation. amnesty international stellt zu diesen Themenkomplexen keine eigenen Ermittlungen an und verfügt dementsprechend nicht über eigene Informationen.
          Wir haben deshalb bei der Beantwortung Ihrer Fragen, die über den Kernbereich unseres Arbeitsgebietes hinausgehen, auch andere Erkenntnisquellen hinzugezogen und uns bemüht, diese entsprechend kenntlich zu machen. Folgende Erkenntnisquellen liegen den Aussagen der vorliegenden Stellungnahme zugrunde:
          - Gespräche und Interviews mit syrisch-orthodoxen Christen, die im Exil in Deutschland leben sowie Gespräche und Recherchen, die ein Mitglied unserer Organisation im Rahmen von Prozeßbeobachtungen und Ermittlungen im Auftrag unserer Organisation in den vergangenen Jahren in der Türkei (sowohl in den Städten der Westtürkei als auch im Südosten) durchgeführt hat, letztmalig im Mai 1997.
          - Veröffentlichungen der Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV), insbesondere Auszüge aus den Jahresberichten des TIHV. amnesty international hat in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, daß die Veröffentlichungen des TIHV als sorgfältig recher-chierte Informationen einzuschätzen sind. Der TIHV ist eine Menschenrechtsstiftung, die von Intellektuellen, Wissenschafltern und Ärzten gegründet wurde.
          - Berichte von Exilorganisationen syrisch-orthodoxer Christen und Unterstützerorganisa-tionen wie bspw. der Assyrischen Demokratischen Organisation (ADO) und dem Verein Mar Gabriel. Bei der ADO, auf deren statistische Angaben über die in der Türkei lebenden syrisch-orthodoxen Christen wir uns in dieser Stellungnahme stützen, handelt es sich um eine Exilorganisation, deren Ziel es unter anderem ist, den Erhalt der syrisch-orthodoxen Gemeinden sowie der Kultur vor Ort zu unterstützen. Gleiches trifft auf den Verein Mar Gabriel zu, der vor allem für den Bestand eines Klosters im Südosten der Türkei eintritt und sich um Unterstützung der in der Türkei verbliebenen Christen bemüht. Für diesen Verein sind vor allem deutsche Vertreter aus Kirche, Kultur und Wissenschaft tätig.

          Mit dieser Einschränkung nehmen wir zu Ihrer o.g. Anfrage wie folgt Stellung:

          1. Wieviele syrisch-orthodoxe Christen leben gegenwärtig noch im angestammten Siedlungsgebiet in Tur Abdin, insbesondere in Midiyat und Mardin, und wieviele leben in Istanbul?
          Dabei interessiert insbesondere die demographische Struktur.

          amnesty international führt keine Untersuchungen zu Bevölkerungszahlen durch. Die letzte uns bekannte Statistik wurde von der Assyrischen Demokratischen Organisation (ADO) in dem Bericht „Besuch einer Delegation der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern im Tur Abdin (Südosttürkei) vom 20. September bis 4. Oktober 1995“ veröffentlicht. Diesem Bericht zufolge lebten im Herbst 1995
          im Tur Abdin 436 Familien mit 2374 Personen
          in Midyat 108 Familien mit 432 Personen
          in Mardin 75 Familien mit 326 Personen
          in Istanbul 2000 Familien mit 12000 Personen (siehe hierzu Anlage 1).
          Nach unserer Einschätzung ist die Zahl der in der Türkei lebenden syrisch-orthodoxen Chris-ten in der Zwischenzeit weiterhin zurückgegangen. amnesty international sind einige Perso-nen bekannt, die nach 1995 nach Deutschland geflüchtet sind. Diesen Eindruck bestä-tigt Dr. Klaus Landeck vom Verein Mar Gabriel, der im September 1996 den Tur Abdin besuchte. Dr. Klaus Landeck berichtete über eine Aufbruchsstimmung unter den syrisch-orthodoxen Christen, insbesondere der jüngeren Generation, in den von ihm besuchten Orten.
          Zur demographischen Struktur ist folgendes anzumerken: Syrisch-orthodoxe Familien im Tur Abdin sind kinderreich. Für eine Familie müssen mindestens 5-6 Kinder veranschlagt werden, tatsächlich haben viele Familien 8-10 Kinder. Von den syrisch-orthodoxen Christen selbst werden durchschnittlich 6 Personen für einen Haushalt veranschlagt. In dieser Zahl sind die älteren Ehepaare, deren Kinder das Elternhaus verlassen haben, bereits berücksichtigt.
          Beim Vergleich der Relation 1:6 für die Anzahl der Familien und die Anzahl der Personen pro Familie mit den Daten aus der Erhebung der ADO wird deutlich, daß in vielen Orten die Rela-tion 1:6 nicht mehr zutrifft. Daraus ist zu schließen, daß die Anzahl der Kinder pro Familie geringer ist. So ist z.B. in Midyat die Zahl der Personen pro Familie deutlich geringer, als nach der Relation 1:6 zu erwarten wäre. Diesen Angaben zufolge bestehen die Haushalte in Midyat durch-schnittlich aus 4 Personen. Eine ähnliche Verteilung ist in Mardin festzustellen: auf 75 Fami-lien kommen 326 Personen. Dies stützt die Annahme, daß in Midyat viele ältere Menschen ohne Kinder leben und weniger junge Familien mit Kindern.
          Das krasseste Beispiel für eine solche demographische Struktur ist das Dorf Enhil (türkisch: Yemisli), das ein Mitglied unserer Organisation 1993 besuchte. In Enhil leben 7 Familien und 13 Personen, es handelt sich hier ausschließlich um alte Menschen, meist alte Ehepaare, und ein einziges Kind, ein geistig behindertes Mädchen. Diese Angaben wurden durch Flüchtlinge aus Enhil jüngst bestätigt.

          2. Durch welche äußeren Umstände werden die Lebensumstände syrisch-orthodoxer Christen in der Türkei geprägt, wenn sie
          a) im Tur Abdin, insbesondere in Midiyat oder Mardin,
          b) in Instanbul
          leben?
          Dabei interessiert insbesondere die Gewährleistung eines religiösen Existenzmini-mums.

          a) Tur Abdin:
          Die äußeren Lebensumstände sind von amnesty international mehrfach beschrieben worden (siehe hierzu Anlage 2). Die Lage im Tur Abdin wird sehr stark durch den Kampf zwischen der PKK und den türkischen Sicherheitskräften bestimmt, dies ist auch nach der Aufhebung des Ausnahmezustandes für die Provinz Mardin im November 1996 zutreffend. Nach wie vor kommt es zu Kampfhandlungen in der Provinz Mardin, werden die Christen von beiden Seiten unter Druck gesetzt und bedroht. Nach wie vor gibt es die vom Staat bewaffneten und bezahl-ten paramilitärischen Dorfschützer, die auch weiterhin ihre Macht mißbrauchen. So berichtet bspw. die Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV) in ihrem Jahresbericht 1993 über einen Überfall der Dorfschützer gegen syrisch-orthodoxe Christen in dem Dorf Zaz (türkisch: Izbirak) bei Midyat, bei dem vier Dorfbewohner festgenommen und gefoltert wurden (siehe hierzu Anlage 3).
          Der Islamismus nimmt in der gesamten Türkei zu und ist in der Provinz Mardin stark vertreten. Darüber hinaus ist auf das traditionelle Problem des Vertreibungsdrucks durch die Kurden, insbesondere durch die Großgrundbesitzer (Aghas) hinzuweisen. In Krisensituationen und kriegerischen Kampfhandlungen zwischen christlichen und muslimischen Ländern bzw. Bevölkerungsgruppen, wie bspw. während des Zypernkrieges, dem Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan und dem Bürgerkrieg in Bosnien, nimmt regelmäßig der Druck auf die syrisch-orthodoxen Christen zu. Anschläge auf christliche Friedhöfe, Kirchen und Schulen, zu denen sich Anhänger der militanten islamistischen Gruppierung IBDA-C (Front der Stürmer für einen Islamischen Großen Osten) bekannten, wurden in Bekennerschreiben als Protestaktion gegen die Gewalt der Serben in Bosnien bezeichnet (siehe hierzu einige exemplarische Atten-tate dokumentiert im Jahresbericht 1994 des TIHV, Anlage 4).
          In den letzten Jahren wurden Christen immer wieder von verschiedenen Gruppen erpreßt. Nach Angaben von Flüchtlingen wurden christliche Familien, die einen Traktor zur Bewirt-schaftung ihrer Felder besaßen, von den bewaffneten Dorfschützern gezwungen, mit dem Traktor die Felder der Dorfschützer zu bearbeiten. Ein in Deutschland lebender syrisch-ortho-doxer Christ berichtete einem Mitglied unserer Organisation von Erpressungsversuchen, die bis zu in Istanbul lebenden syrisch-orthodoxen Christen reichen: Ein Angehöriger des Dorf-schützerclans aus seinem Heimatdorf habe einen seit Jahrzehnten in Istanbul lebenden Gold-schmied regelmäßig um Geldzahlungen erpreßt mit der Drohung, daß seine im Tur Abdin verbliebenen Verwandten darunter leiden würden, wenn er sich weigerte, die Zahlungen zu leisten.
          Der jüngste Fall von Mißhandlung oder Folter in Polizeihaft, über den unsere Organisation Berichte erhielt, betraf im Juni 1996 drei Christen in Midyat. Gegen einen der Betroffenen, der einige Monate in Haft verbrachte, ist ein Verfahren wegen angeblicher Unterstützung einer illegalen Organisation anhängig. Unserer Organisation sind die näheren Umstände und Na-men der Betroffenen bekannt, die Anklageschrift liegt uns vor. Da sich die betroffenen Perso-nen noch in der Türkei aufhalten und eine weitere Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann, müssen diese Informationen jedoch vertraulich behandelt werden.
          Unsere Organisation erhielt Berichte über Entführungen und Mordanschläge gegenüber syrisch-orthodoxen Christen, die vermutlich von Dorfschützern und militanten islamistischen Gruppierungen verübt wurden. Melke Tok, ein 60-jähriger syrisch-orthodoxer Prieser wurde im Januar 1994 vermutlich von Dorfschützern oder islamischen Fundamentalisten entführt, als er in einem Kleinbus auf dem Weg zu einer Hochzeitsfeier war (siehe hierzu die urgent action EUR 44/02/94, beigefügt als Anlage 9). Der Stadtteilbürgermeister von Midyat, Yakup Matte, und der letzte christliche Arzt des Tur Abdin, Dr. Edward Tanriverdi, wurden 1994 ermordet (siehe hierzu auch die Angaben und Fallschilderungen aus dem Jahresbericht 1994 des TIHV, Anlage 4). Beide waren wichtige Stützen der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Midyat. Nach unseren Erkennt-nissen ist in keinem der Mordfälle an Christen ein Täter ermittelt und zur Verantwortung gezo-gen worden. Aufgrund dieser mangelnden Strafverfolgung fühlen sich die Christen im Tur Abdin schutzlos den Übergriffen ausgeliefert.
          In den ehemals christlich geprägten Städten Mardin, Midyat und Idil gibt es nur noch Reste der syrisch-orthodoxen Bevölkerung. Gleiches gilt für die meisten umliegenden Dörfer. Viele Christen haben ihre Dörfer wegen des stänigen Drucks verlassen, einige Dörfer wurden von den Sicherheitsbehörden zwangsgeräumt, einige vom Militär zerstört. In einem Artikel von Jan Pacal in der englischsprachigen Tageszeitung "Turkish Daily News" vom 29. August 1996 werden zahlreiche Dörfer aufgelistet, die in den vergangenen zwei Jahren geräumt wurden (siehe hierzu Anlage 5).
          In den meisten der noch bestehenden Dörfern sind die Schulen geschlossen. Wenn es Schulen gibt, werden die Mädchen gar nicht oder nur eingeschränkt zur Schule geschickt, denn die Eltern befürchten eine Entführung der Töchter durch Muslime. Nach Angaben der Menschenrechtsstiftung der Türkei wurden seit 1980 in der Umgebung von Diyarbakir und Mardin annähernd 20 syrisch-orthodoxe Mädchen entführt (siehe hierzu Anlage 6).
          Die Bedingungen der Religionsausübung sind dadurch geprägt, daß in manchen Dörfern Pfar-rer fehlen. Ebenso herrscht ein Mangel an Religionslehrern, die die Kinder unterrichten. Einige Jungen aus den Dörfern leben im Kloster Mar Gabriel wie in einem Internat, um von dort aus die Schulen in Midyat zu besuchen. Religionsunterricht erhalten die Schüler im Kloster. Die Zahl der Schüler hat in den letzten Jahren stark abgenommen. Für Mädchen besteht nicht die Möglichkeit am Unterricht im Kloster teilzunehmen. Ein ähnliches Internat gab es in einem Kloster bei Mardin. Es wurde von staatlicher Seite 1979 geschlossen.

          b) Istanbul:
          Die meisten syrisch-orthodoxen Christen aus dem Tur Abdin unterscheiden sich von ihren Nachbarn in Istanbul durch ihre Sprache. Sie sprechen eine andere Muttersprache, nämlich Turoyo oder Neu-Aramäisch, und haben in ihrer alten Umgebung im Alltag außerdem Kur-disch (Kurmanci) oder Arabisch gesprochen. Türkisch mußten sie nur in der Schule, beim Mili-tärdienst und bei den Behörden sprechen. Die meisten Frauen unterscheiden sich zusätzlich durch ihre altmodische, eher bunte Kleidung von den Menschen in der Großstadt. Durch Sprache und Äußeres sind sie sofort als Nicht-Türken und aus dem Südosten kommend zu erkennen. Durch ihren türkischen Ausweis (Nüfüs) sind sie laut Eintragung über ihre Reli-gionszugehörigkeit als Christen zu erkennen.
          In Istanbul gibt es syrisch-orthodoxe Kirchen, Pfarrer und Gottesdienste. Die Predigten in den Gottesdiensten werden in türkischer Sprache gehalten, lediglich die Liturgie wird in alt-aramäischer Sprache vorgetragen. Die große Mehrheit der Gemeindemitglieder in Istanbul lebt schon Jahrzehnten in Istanbul und hat sich durch den Gebrauch der türkischen Sprache an ihre Umgebung angepaßt.
          Nach Auskunft von Flüchtlingen aus dem Kreis Midyat stammen viele der Gemeindemitglieder außerdem aus Mardin und sprechen einen arabischen Dialekt als Muttersprache. Berichten zufolge werden Anstrengungen unternommen, die neu-aramäische Sprache auch in Istanbul zu erhalten und die Jugendlichen darin zu unterrichten. Diese Bemühungen sollen jedoch wenig erfolgreich sein. Es wird befürchtet, daß die neu-aramäische Sprache in Istanbul lang-sam durch die türksiche Sprache verdrängt wird.
          In den letzten Jahren wurden immer wieder Anschläge auf Kirchen und auch einige Schulen verschiedener christlicher Konfessionen verübt. Ebenso gab es Schändungen von Kirchen und Friedhöfen (siehe hierzu die Angaben in den Jahresberichten des TIHV, Anlage 3, 4 und 6). Zu diesen Anschlägen haben sich vielfach Mitglieder der islamistischen Gruppe IBDA-C als Täter bekannt. Auch Idealisten-Vereinigungen, die der nationalistischen Partei MHP nahe-stehen, sind für ihre Feindseligkeiten gegenüber den Christen bekannt, denen sie pauschal die Unterstützung der PKK vorwerfen bis hin zu der Behauptung, daß der Vorsitzende der PKK eigentlich ein armenischer Christ sei (siehe hierzu die deutschen Übersetzungen aus "Özgür Ülke" vom 9.11.1994, "Hürriyet" vom 19.10.1994 und "News Network International" vom 1.11.1994, Anlage 7).
          Die feindselige Einstellung gegenüber den Christen kommt auch in Äußerungen türkischer Regierungsmitglieder zum Ausdruck: So bezeichnete die damalige Innenministerin Meral Aksener im März 1997 bei der Eröffnung einer Polizeistation in Kagithane-Sanayi den Führer der PKK, Abdullah Öcalan, als "armenischen Fötus" (in deutsch wohl am besten als "Armenierbrut" zu übersetzen). Damit hat die Innenministerin die Verachtung der Mehrheit der türkischen Bevölkerung gegenüber Angehörigen der christlichen Religionsgemeinschaft aus-gedrückt. Der Begriff "Armenierbrut" ist für viele Türken eine besondere Beleidigung und Herabwürdigung. Die Kommission zur Beobachtung der Minderheitenrechte des türkischen Menschenrechtsvereins (IHD) hat diese Äußerung zum Anlaß genommen, Inneministerin Aksener zum Rücktritt aufzufordern und eine Strafanzeige gemäß § 312 des türkischen Straf-gesetzbuches gegen die Ministerin zu erstatten (siehe hierzu die Presseerklärung des IHD vom 03.04.1997 nebst deutscher Übersetzung, Anlage 10).
          Der syrisch-orthodoxen Religionsgemeinschaft wurde 1923 im Friedensvertrag von Lausanne nicht der Status einer offiziell anerkannten religiösen Minderheit eingeräumt. Deshalb haben die syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei keinen Anspruch auf bestimmte Rechte, die den anderen religiösen Minderheiten wie den griechisch-orthodoxen Christen, den armenischen Christen und den Juden aufgrund dieses Vertrages gewährt werden müssen, dazu gehört u.a. Einrichtung und Unterhaltung eigener Schulen. Deshalb gibt es auch in Istanbul es keine eigenen Schulen der syrisch-orthodoxen Christen. Ihre Kinder müssen staatliche Schulen besuchen und an der muslimischen Religionskunde teilneh-men. Um nicht diskriminiert oder isoliert zu werden, verheimlichen manche Kinder in der Schule, daß sie Christen sind. Viele Eltern geben ihren Kindern bei der Geburt unauffällige türkische Vornamen, damit sie nicht gleich am Namen als Christen erkannt werden.
          Nach Auffassung von Isa Karatas, einem Schriftsteller und Vertreter der orthodoxen Kirche, bildet das Schulproblem und der fehlende christliche Religionsunterricht den Hauptgrund für die Emigration christlicher Familien. Da in staatlichen Schulen im Religionsunterricht nicht-islamische Religionen nicht als ebenbürtige und gleichwertige Religion neben dem Islam dar-gestellt und unterrichtet würden, stehen die Lehrinhalte des staatlichen Religionsunterrichts im Widerspruch zur religiösen Erziehung der Kinder in christlichen Familien (siehe hierzu Anlage 5).

          3. Was ist über die einkommens- und vermögensmäßigen Verhältnisse, insbesondere die Erwerbsquellen, syrisch-orthodoxer Christen bekannt, die
          a) im Tur Abdin, insbesondere in Midiyat oder Mardin,
          b) in Istanbul
          leben?
          Dabei besteht besonderes Interesse daran,
          - welche Kosten mit einem Transfer aus dem Tur Abdin in die Bundesrepublik durch-schnittlicherweise verbunden sind und wie die dafür erforderlichen Mittel bereit-gestellt werden;
          - welche Kosten für eine Übersiedlung vom Tur Abdin nach Istanbul und eine dortige Existenzgründung durchschnittlicherweise erforderlich sind, mit welchen Unter-stützungen von wem dabei gerechnet werden kann und wie syrisch-orthodoxe Christen, die vom Tur Abdin nach Istanbul übergesiedelt sind, ihre dortige Existenz aufgebaut haben.

          a) Tur Abdin:
          Im Tur Abdin gibt es nach den von Flüchtlingen erhaltenen Informationen zwei große Gruppen von Berufen: in den Städten wie Midyat und Mardin ist ein großer Teil der Christen Hand-wer-ker oder Ladenbesitzer. In den Dörfern sind die meisten Bewohner Landwirte, manche üben eine handwerkliche Nebentätigkeit aus oder sind Handwerker.
          Die syrisch-orthodoxen Christen haben im Tur Abdin im Vergleich zu ihren kurdischen Nach-barn oftmals fruchtbareres Land und größere und schönere Häuser. Viele von ihnen sind demnach als wohlhabend bezeichnen. Berichten von Flüchtlingen zufolge müssen sie diesen Wohlstand jedoch zurücklassen, wenn sich diese Familien für eine Flucht aus ihrer ange-stammten Heimat entscheiden. Sie können ihre Äcker und Häuser nicht verkaufen, weil sie keine Käufer für ihr Land finden. Diejenigen, die Druck auf die christlichen Familien ausüben, um sie zu vertreiben, warten auf die Gelegenheit, sich den Besitz der Christen kostenlos anzueignen.

          b) Istanbul:
          Im Zuge mehrerer Besuche der christlichen Gemeinschaften in Istanbul erhielt ein Mitglied unserer Organisation folgenden Eindruck über die ökonomischen Verhältnisse. Die altein-gesessenen syrisch-orthodoxen Christen üben meist ein Handwerk aus oder betreiben Han-del. Neu aus dem Tur Abdin in Istanbul ankommende Christen sind zu einem großen Teil Landwirte. Da sie ihren Besitz im Tur Abdin nicht verkaufen können, sind sie zumeist mittellos. Häufig können sie sich nur um Hilfstätigkeiten bewerben, weil sie keine andere Tätigkeit erlernt haben. Angesichts einer hohen Arbeitslosenzahl in Istanbul sind ihre Chancen ver-schwindend gering, eine Anstellung zu finden. Darüber hinaus berichteten zahlreiche Christen, daß sie Probleme bei der Arbeits- und Wohnungssuche haben, wenn sie ihren Aus-weis vorlegen müssen, aus dem ihre christliche Religionszugehörigkeit hervorgeht. Bei der Mehrzahl der Wohnungsbesitzer und Arbeitgeber stießen Christen auf Ablehnung.
          Die durchschnittlichen Kosten eines Transfers aus dem Tur Abdin in die Bundesrepublik Deutschland sind uns nicht bekannt. Nach Berichten von Flüchtlingen sammeln die in Europa lebenden Angehörigen Geld, um die Flucht von Verwandten zu ermöglichen. Auch die Höhe der Kosten einer Übersiedlung vom Tur Abdin nach Istanbul und einer dortigen Existenzgrün-dung ist uns nicht bekannt. Gesprächen mit vielen Flüchtlingen zufolge erhalten sie in Istanbul keinerlei Unterstützung durch die dortige syrisch-orthodoxe Gemeinde. Daher bemühen sich die christlichen Flüchtlinge darum, sich so kurz wie möglich in Istanbul aufzuhalten, bis sie ihre Ausreise geregelt haben.

          4. Sind konkrete Fälle bekannt, in denen syrisch-orthodoxen Christen aus dem Tur Abdin die Existenzgründung in Istanbul nicht gelang, sie dort existentiell verelende-ten und gar Hungers starben?
          Dem Gericht ist hier an der Darstellung konkreter Schicksale einzelner oder von Familien gelegen, die namentlich verifiziert werden können.

          Im Mai 1997 bemühte sich ein Mitglied unserer Organisation darum, in Istanbul Informationen über die Lage von syrisch-orthodoxen Christen zu erhalten. Da die Gesprächspartner in Istan-bul leben und Repressionen befürchten, ver-langen sie strikte Vertraulichkeit ihrer Namen. Diese Mitglieder der christlichen Gemeinschaft äußerten sich übereinstimmend dahingehend, daß syrisch-orthodoxe Christen aus dem Tur Abdin oder abgeschobene Flüchtlinge aus Euro-pa nicht in der Lage sind, sich eine Existenz in Istanbul aufzubauen. Diese Personen müßten sich eine Wohnung in einem Gecekondu (Armenviertel) suchen. Wenn bekannt werde, daß es sich um Angehörige der christlichen Religionsgemeinschaft handelt, sei Diskriminierung und Einschüchterung durch islamische Nachbarn die Folge. Viele Christen in den Armen-viertel verheimlichen nach Angaben der Informanten ihre Religion. Es wurde von einem Fall berichtet, in dem eine in einem Gecekondu lebende christliche Familie aus Angst vor den Repressalien ihrer islamischen Nachbarn den Fahrer eines Leichenwagens, der ein verstor-benes Familienmitglied abholen sollte, auffor-derte, das Kreuz auf dem Leichenwagen zu verdecken.
          amnesty international ist ein christliches Ehepaar aus dem Dorf Zaz (türkisch: Izbirak) im Tur Abdin bekannt, das sich etwa 2 Jahre lang in Istanbul aufgehalten hat. Melki Tekin und seine Frau Sado wurden im Januar 1993 im Tur Abdin festgenommen (siehe hierzu die urgent action EUR 44/05/93 vom 21.01.1993, Anlage 8). Die Sado Tekin wurde nach wenigen Wochen freige-lassen. Ihr Mann Melki Tekin wurde schwer gefoltert und erst nach vielen Monaten auf freien Fuß gesetzt. Ihm wurde die Unterstützung einer illegalen Organisa-tion vorgeworfen. Sein Gerichtsverfahren wurde auch nach seiner Freilassung weitergeführt. Er konnte nicht flüchten, da er keinen Paß erhielt. Da er im Tur Abdin in ständiger Angst vor erneuter Festnahme und Folter lebte, zog er nach Istanbul und fuhr nur zu den Gerichts-verhandlungen zurück. In Istanbul fand er keine Arbeit. Das Ehepaar lebte von dem Geld, das ihnen Verwandte aus dem Ausland schickten. Inzwischen ist das Ehepaar nach Europa geflüchtet.
          Ein Fall existentieller Verelendung bzw. eines Hungertodes syrisch-orthodoxer Christen ist uns nicht bekannt.

          5. Wieviele syrisch-orthodoxe Christen sind in den letzten Jahren aus dem Ausland in die Türkische Republik zurückgekehrt, wohin und wodurch wird ihre Situation geprägt?

          Über aus dem Ausland zurückgekehrte syrisch-orthodoxe Christen bzw. ihre Situation ist uns nichts bekannt.

          Mit freundlichen Grüßen


          Dr. Barbara Neppert
          Türkei-Koordinationsgruppe


          f.d.R.




          Ruth Jüttner
          Referat für politische Flüchtlinge

amnesty international

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